Social Payment : Für den guten Zweck

Mit Flattr soll im Netz ein einfaches und faires Bezahlsystem etabliert werden. Die Spenden dürfen durchaus eigennützig sein, weil man sonst möglicherweise auf etwas verzichten muss.

Fritz Habekuss

Das Prinzip ist so einfach wie bekannt: Wie bei einem Straßenmusiker, wo nach dem Auftritt der Hut herumgeht, wartet beim sogenannten „Social Payment Service“ Flattr ein Button unter einem zum Besten gegebenen Text. Flattr ist der Versuch, ein einfaches und faires Bezahlsystem für Online-Inhalte zu etablieren. Wer sich bei dem schwedischen Anbieter des Systems mit einer Geld-Summe registriert hat, kann sich nach der jeweiligen Lektüre mit einem Klick auf das Flattr-Symbol bedanken. Am Monatsende geht das Geld zu gleichen Teilen an die ausgewählten Beiträge. Manche Flattr-Einnahmen für einen Autoren liegen bei fast 2000 Euro pro Monat. Dabei kommt es auf die Masse an, wie beim Hut in der Fußgängerzone. Wie viel ein einzelner Klick bringt, hängt ganz davon ob, wie oft ein Benutzer flattert und wie viel Geld er einzahlt.

Crowdfunding nennt man diesen Weg. Hinter dem englischen Wortungetüm verbirgt sich ein einfaches Prinzip: Eine anonyme Masse (Crowd) bringt eine bestimmte Summe auf (Funding). Flattr ist es gelungen, diese genossenschaftliche Denkweise auf die Netzwelt zu übertragen. Bislang profitieren erst wenige Medien von dem Dienst, der im Mai des vergangenen Jahres in Berlin vorgestellt worden ist. Für den Blog Netzpolitik.org von Netzaktivist Markus Beckedahl ist Flattr seit seiner Einführung immer wichtiger geworden: „Mehr Geld bringt mehr Zeit für Netzpolitik – und dabei hat sich Flattr als weitere Finanzierungssäule etabliert“, schreibt Beckedahl in seinem Blog. Ist Flattr also ein erfolgversprechender Weg, um Journalismus im Netz zu finanzieren? Nein, muss die Antwort lauten. Jedenfalls, wenn es um Qualitätsjournalismus geht: Nicht aufwendig recherchierte, sondern polarisierende Texte profitieren, sagt Beckedahl. „Aus kommerziellen Gründen müssten wir eigentlich nur noch Unterhaltung fahren. Eine Formel um reich zu werden, scheint auf jeden Fall Boulevard zu sein“, schreibt er und hat damit nicht ganz unrecht.

Auch wenn Tim Pritlove diese Erfahrung nicht gemacht hat, kennt der Podcaster die Tatsache. Für Pritlove ist das aber kein Grund zur Beunruhigung. „Das ist an sich ja kein neues Phänomen. Im schlimmsten Fall regt man sich über etwas auf, das es schon immer gegeben hat.“

Genau diese Angst haben einige Leser der „taz“. Die Zeitung will mit ihrer Initiative „taz zahl ich“ eine Kultur der Fairness etablieren: Leser zahlen freiwillig für journalistische Arbeit, die sie sonst umsonst bekommen könnten. Dass dabei auch das besondere Verhältnis zwischen der „taz“ und ihren Lesern eine große Rolle spielt, glaubt Matthias Urbach, Leiter von taz.de. „Einige Einträge im Gästebuch waren fast schon Liebesbekundungen. Die damit verbundene Zahlung ist ein Bekenntnis, das über das herkömmliche Maß hinausgeht“, sagt er. Dieses persönliche Verhältnis sei wichtig für die Bereitschaft zu zahlen. „Deswegen funktioniert es auch eher bei Blogs als bei Nachrichtenportalen.“ Auch Podcaster Pritlove sieht in der persönlichen Bindung eine Stärke.

Diese persönliche Beziehung ist der Trumpf vieler Flattr-Profiteure. Doch die Spender geben ihr Geld nicht nur aus reiner Güte. Medienwissenschaftler Thomas Haseloff hat in seiner Diplomarbeit untersucht, warum Nutzer freiwillig für kostenlose Inhalte bezahlen. Er nutzt das Modell des „Homo Economicus“ zur Erklärung. Die Nutzer wissen, dass der produzierte Inhalt Geld kostet. Da sie aber auch in Zukunft nicht auf ihn verzichten möchten, spenden sie – also auch aus Eigennutz. Ein gutes Konzept, das bislang aber fast nur im Dunstkreis von Bloggern und Internetnerds herumschwirrt. „Damit es funktioniert, brauchen wir eine Kulturveränderung“, sagt Markus Beckedahl. „Die Mechanismen, die man in der reellen Welt findet, müssen auch für Inhalte im Netz gelten.“

Bis es so weit ist, werden die grün-orangen Flattr-Buttons von vielen noch als Fremdkörper wahrgenommen so wie anfangs die blauen „Like“-Flächen von Facebook. Diese Analogie kommt nicht von ungefähr. Eine neue, geldwerte Form der Anerkennung sei so möglich, ähnlich einfach und unkompliziert, schwärmen Benutzer. Ob es in Zukunft möglich sein wird, Blogs, Podcasts oder journalistische Beiträge zu finanzieren, hängt von zwei Dingen ab. Zum einen müssen die Schranken für Normal-Nutzer niedriger werden. Zum anderen braucht der Dienst mehr Partner auch außerhalb der üblichen Kreise. Wenn etablierte Medien Flattr nutzen, kommen die Nutzer von ganz allein. Und das Geld auch. So weit jedenfalls die Theorie.

http://flattr.com/

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