Sommerfeste : Bratwurst-Business

Sieht nach Spaß aus, ist aber harte Arbeit: Warum Politik und Medienprominenz Sommerfeste besuchen.

von
Darf’s ein Tropfen mehr sein? Kanzlerin Angela Merkel (v.li.) mit ihren Ministern Philipp Rösler und Ursula von Leyen beim Sommerfest der Landesvertretung Niedersachsen in Berlin.
Darf’s ein Tropfen mehr sein? Kanzlerin Angela Merkel (v.li.) mit ihren Ministern Philipp Rösler und Ursula von Leyen beim...Foto: picture alliance / dpa

Wenn Angela Merkel nächsten Dienstag beim Sommerfest in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt vorbeischaut, dann kann das einen ganz einfachen Grund haben. Vielleicht möchte sie auf dem Heimweg vom Büro im Bundeskanzleramt zu ihrer Wohnung an der Museumsinsel noch ein Glas Wein in Gesellschaft trinken. So wie Millionen Deutsche ihr Feierabendbier oder ihren After-Work-Drink zu sich nehmen, wenn sie sich nach getaner Arbeit auf dem Heimweg befinden. Nur richten sich natürlich keine Kameras auf die Normalbürger. Und diese können bei ihrem Drink auch nicht annähernd so viele Fliegen mit einer Klappe schlagen wie die Kanzlerin, wenn sie einkehrt in einer Wanderkneipe namens Sommerfest. Dort kann sie zum Beispiel potenzielle Wähler für sich gewinnen, sympathische Bilder in Umlauf bringen und im Vip-Bereich vieles en passant erledigen, was sonst ein Vorgang werden müsste.

Die Saison der Sommerfeste beginnt in Berlin Anfang Mai und geht bis Ende September, wobei sie während der großen Ferien in der Regel eine Pause einlegt. Egal wer feiert, ob ZDF, ein großes Magazin, eine Landesvertretung oder mächtige Lobbyisten – der Besuch der Kanzlerin ist in der Regel der Ritterschlag. Dann hat der Gastgeber es in die Spitzenliga der Sommerfestausrichter geschafft, und alle erfahren davon. Denn so ein Auftritt geht natürlich nicht ohne Blitzlichtgewitter unter zehn Minuten ab, und im Fernsehen wird darüber auch berichtet wie über ein echtes Ereignis.

Noch bevor der Wahlkampf losgeht, können sich auch andere Spitzenpolitiker hier volkstümlich am Wurststand oder mit den Folkloregruppen ablichten lassen, mit begeistertem Gesichtsausdruck regionale Spezialitäten probieren und mit ernster Miene im Kreise der Gastgeber und sonstigen Vips die Weltlage erörtern oder auch nur übers Wetter reden. Meist ist der Vip-Bereich so abgesperrt, dass umherstehende Journalisten von der Unterhaltung selbst kaum was verstehen können.

Moderatorin Karen Webb (rechtes Foto) präsentiert sich beim ZDF-Sommerfest.
Moderatorin Karen Webb (rechtes Foto) präsentiert sich beim ZDF-Sommerfest.Foto: Jürgen Detmers

Botschafter aus anderen Ländern, die neu nach Berlin gekommen sind, erkennt man ganz leicht daran, dass sie erst mal eine Weile mit offenem Mund zwischen Ständen mit Nackensteaks, Rotkäppchensekt und Tourismus-Broschüren stehen und sich fragen, ob in Berlin der Sommer jedes Jahr so exzessiv gefeiert wird. Wird er. Daran haben auch die Askese-Gelübde im Anschluss an die Wulff-Affäre wenig geändert. Zwar hat Joachim Gauck das traditionell im Hochsommer stattfindende Sommerfest des Bundespräsidenten diesmal ausfallen lassen und stattdessen heute und morgen zu einem Bürgerfest geladen. Das lag aber daran, dass die Vorbereitungszeit nach seinem Amtsantritt zu kurz gewesen wäre, um eigene Akzente zu setzen. Und die Hauptpersonen vergangener Sommerfeste, die engagierten Bürger, kommen so auch in diesem Jahr unter anderem Etikett zum Zug. Und sicher, mal versucht eine Landesvertretung aus haushalterischen Gründen, den Rhythmus zu verlängern und zwischendurch mal ein Jahr auszusetzen, wie diesmal Rheinland-Pfalz. Aber es erscheint fraglich, dass das von Dauer sein wird.

Der Grund, warum an der Spree jeder Sommer gefeiert wird, als sei er der letzte, ist eine Spätfolge des Regierungsumzugs. In den ersten Jahren wollten sich alle Neuankömmlinge möglichst großartig präsentieren und Foren schaffen für die vielen anderen Neuen, so dass man sich kennenlernen konnte. Das gab öffentliche Aufmerksamkeit, Zeitungs- und Fernsehberichte. Das Sommerfest wurde ganz nebenbei auch zum PR-Instrument. Und dann wollte niemand mehr hinter den Großtaten des jeweiligen Vorjahres zurückstehen. Aus der anfänglichen Notwendigkeit rund um die Jahrtausendwende wurde eine neue Berliner Tradition, die manchmal etwas auf Diät geht, im Prinzip aber ungebrochen fortgesetzt wird.

Wie Bier und Würstchen sind die Vip-Listen unabdingbarer Bestandteil der Sommerfeste. Obwohl Angela Merkel den Eindruck macht, als trinke sie gern mal ein Glas Wein in der Landesvertretung oder erst recht bei großen Medien, kann sie natürlich nicht dauernd in Wanderkneipen herumhängen. Und die Ministerquote schwankt auch stark, die Leute haben ja auch alle noch ein Zuhause. Auf die Vip-Listen schaffen es also vor allem Helden der Leinwand und Fernsehberühmtheiten. Je mehr Vorabendseriennebendarsteller mit Stolz begrüßt werden, desto weniger gewichtig ist das Sommerfest. Aber selbst für arrivierte Größen wie den früheren ZDF-Chefredakteur und Moderator Klaus Bresser oder Schauspielerinnen wie Hannah Herzsprung gehört der Besuch von Sommerfesten zum Bestandteil ihres Selbstmarketings. Wer immer etwas zu verkaufen hat oder am eigenen Ruhm herumpolieren will, hier findet er eine passende Plattform, um mit im Zweifel schlichten Antworten auf oft banale Fragen in die einschlägigen Fernsehsendungen zu kommen und so den eigenen Prominenzfaktor zu halten oder noch einen Schlag zu erhöhen. So wie Piloten eine bestimmte Anzahl von Flugstunden absolvieren müssen, um ihren Schein zu behalten, so müssen TV-Darsteller vermutlich eine bestimmte Anzahl von Sommerfesten besuchen, um nicht nur als Darsteller, sondern auch als Prominente an sich wahrgenommen zu werden.

Sollte die Kanzlerin es nicht nach Sachsen-Anhalt schaffen, hat sie immer noch eine Chance, den Nordrhein-Westfalen beim Sommerfest ihre Aufwartung zu machen. Die feiern diesmal etwas kleiner als sonst mit nur ungefähr 1800 Gästen am 24. September. Dass da die Sonne früh untergeht, weil offiziell der Herbst bereits begonnen hat, wird niemanden weiter stören. Hauptsache, die Blitzlichter und Scheinwerfer leuchten und wärmen.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben