Sonntagskrimi : Pizza mal Schampus

Im Bodensee-„Tatort“ wird eine mörderische Clique überinszeniert. Und Eva Mattes bleibt als Kommissarin wie das Gewässer: still, nicht so tief.

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Kühn und kühl. Millionenerbe Benjamin Wolters (Michael Pink, Mitte) zwingt seine Clique zu einer Runde russisches Roulette. Später muss er selbst dran glauben. Foto: SWR/Hollenbach
Kühn und kühl. Millionenerbe Benjamin Wolters (Michael Pink, Mitte) zwingt seine Clique zu einer Runde russisches Roulette. Später...Foto: obs

Klara Blum dreht auf – die Lautstärke zum Beispiel, als sie einem Verdächtigen ein entlarvendes Handyvideo präsentiert. Klara Blum geht ab – zumindest geht sie ab und zu vom Büro ins Vorzimmer, um über Spesenabrechnungen zu reden. Ja, und Klara Blum gibt Gas – kurz immerhin, als ihr Kollege Perlmann auf dem Beifahrersitz wegnickt. Wach wird er leider nicht, die Kommissarin steigt zur Zeugenbefragung alleine aus.

Einen Bodensee-„Tatort“ zu schauen, das ist immer ein heimeliges Ereignis. Mögen andere Kommissare ständig Kalauer reißen, Zeugen verprügeln oder Ganoven zerschießen – Klara Blum bleibt als Kommissarin so wie der Bodensee: still, nicht so tief. Die von Eva Mattes gespielte Figur ermittelt regelmäßig mit stoischer Ruhe, hält sich privat bedeckt und lullt den Zuschauer zum Sonntagabend richtig ein. Beim aktuellen Fall, „Todesspiel“, ist das nicht anders. Die eine Filmsekunde, in der Blum persönliche Tiefe erkennen lässt, ist jene, als sie am Telefon Schwytzerdütsch parliert. Ihr Ermittler-Sidekick Perlmann (Sebastian Bezzel) kommt ins Schwitzen, er muss eine hippe Thirtysomething-Clique infiltrieren.

In einer Villa wird der Millionenerbe Benjamin Wolters – die Klatschpresse nennt ihn den „letzten Playboy von Konstanz“ – tot aufgefunden. Mit zwei Schüssen niedergestreckt, Einbruchsspuren gibt es keine. Stunden vorher hatte Wolters (Michael Pink) noch mit seinen Buddys gefeiert, dem überdrehten Hedgefonds-Manager Marcus (Torben Liebrecht), der Boutique-Betreiberin Nadine (Alexandra Finder) und dem gescheiterten Casting-Star Daniel (Daniel Roesner). Zu Fertigpizza und Champagner schlug Wolters eine Runde russisches Roulette mit dem Revolver vor. „Kühnheit verbindet“, so der Initiationsritus der Clique. Doch verbunden ist die junge Konstanzer Schickeria vor allem durch den Geldsegen des Erben, sonst herrscht sektselige Missgunst.

Drehbuchautor Jürgen Pomorin und Regisseur Jürgen Bretzinger zeichnen hier eine Generation der Dreißigjährigen, die kalt und abgeklärt an der eigenen Karriere bastelt. Zwar ist Träumen hin und wieder erlaubt. Gerade Daniel Roesner spielt seinen abgesägten Popstar so traurig gut, als sehe er tatsächlich eine Plattenfirma am Horizont. Gut möglich, dass nach zwölf Jahren „Deutschland sucht den Superstar“ überall im Land solche ausrangierten Popsternchen bei Supermarkteröffnungen singen.

Aber dann ist zu viel Träumerei doch hinderlich: Die Clique von Konstanz erträgt ihre Arbeitslebenspflicht wie eine Horde verbitterter Frührentner und knallt dabei Drinks weg, als seien sie ewig 21. Wenn Banker Marcus langweilig ist, dann wettet er um 1000 Euro, ob sich sich ein Passant erbarmt, einem armen Rollstuhlfahrer über die Bordkante zu helfen. Er selbst steht grinsend daneben.

Diesem zynischen Treiben zuzusehen ist spannend, ganz glaubwürdig ist es nicht. Da liegen im Kühlschrank stapelweise Champagnerflaschen und unter dem Bett findet die Spurensicherung Lederpeitsche und Gummidildo. Die Inszenierung hätte weniger plakativ sein dürfen – und wenn schon Klischees, dann doch lieber mit Bionade und Holzdildos.

Gelungen ist der Plot trotzdem. Pomorin (auch unter dem Pseudonym Leo P. Ard bekannt) hat schon über 20 Krimiromane und -drehbücher geschrieben. Dem SWR-„Tatort“ sieht man das an: Pomorin weiß, wie man einen Mörder präsent und zugleich bedeckt hält. Bei „Todesspiel“ geht die Rechnung auf. Der Zuschauer sieht solide Ermittlerarbeit bei Blum/Perlmann anstatt gehetzter Eskalation. Und er sieht ebenso solide Mordmotive bei all den möglichen Tätern. Derer tauchen neben den Cliquenmitgliedern noch genügend zur Verirrung und Verwirrung auf.

Die Ermittler haben mit dem Sichten von Handyvideos, Klatschartikeln und eidgenössischer Ermittlungsakten gut zu tun – ohne zu viel tun zu müssen. Die größte Anstrengung hat Perlmann, als er sich zu Beginn undercover an die Lebekinder ranwanzt: Er muss im Anschluss beim Polizeichef eine Spesenabrechnung über 1200 Euro erklären – für vier Flaschen Champagner. So mag das Gespann Blum/Perlmann ein bisschen schläfrig sein. Aber was das Ermittlerteam am Bodensee tut oder lässt, ist zum Schluss sowieso nicht mehr so wichtig. Am Bodensee gibt es zwar wenig Tatütata, aber dafür einen gut geerdeten Start in die Woche.

„Tatort“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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