Sonntagskrimi : Teufel oder Beelzebub

Längst findet der Organhandel nicht nur in der Dritten Welt oder in Osteuropa statt. „Tatort“-Ermittler Cenk Batu gerät in ein moralisches Dilemma.

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Längst nicht nur Dritte Welt: Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) ist auf der Spur von Organhändlern in Hamburg, vor denen sich Amelie (Michelle Barthel) versteckt. Foto: ARD Foto: NDR/Georges Pauly
Längst nicht nur Dritte Welt: Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) ist auf der Spur von Organhändlern in Hamburg, vor denen sich Amelie...Foto: NDR/Georges Pauly

„Na, Jungs, hat euch der Onkel wieder Chris de Burgh vorgespielt?“ Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) war drei Monate in der Türkei und hat seinen „Baba“, seinen Vater, besucht. Die „Jungs“, seine Fische, die von Batu eher Rap als Schmusepop gewohnt sind, hat in Hamburg derweil sein Kollege und Chef Uwe Kohnau (Peter Jordan) versorgt. Sie sind aber trotzdem wohlauf. Kohnau bringt neben den stummen Haustieren gleich einen neuen Auftrag mit: Der verdeckte LKA-Ermittler Batu soll sich als Kurier von Organhändlern anheuern lassen und Informationen sammeln, während er die von Menschenhändlern verschleppten Opfer abholt und an eine Organisation krimineller Mediziner übergibt. Die jungen Opfer werden in einer mobilen OP-Station operiert, um ihre Organe kranken Kindern von wohlhabenden Familien einzusetzen.

Ein schreckliches Verbrechen und ein zutiefst unmoralisches Geschäft, das bisher in deutschen Fernsehkrimis meist in der Dritten Welt, in Schwellenländern oder den armen Regionen Osteuropas abgewickelt wurde – vom legendären „Fleisch“-Thriller von Rainer Erler aus dem Jahr 1979 einmal abgesehen, bei dem Touristen in Amerika das Opfer waren. Dieser NDR-„Tatort“, der vierte Fall für den verdeckten Ermittler Batu, holt das Thema Organhandel nach Deutschland: Die verzweifelten Eltern, die sich in ihrer Not auf kriminelle Abwege eingelassen haben, müssen nun mit ihren kranken Kinder nicht mehr weit reisen. Die Geschäfte gehen in Hamburg und Umgebung über die Bühne, in leer stehenden Bürogebäuden, Fabrikhallen und sogar Villen, von Tarnfirmen anonym übers Internet angemietet. Und das Mädchen, das Batu übergeben soll, ist kein Straßenkind aus den Slums und Favelas dieser Welt, sondern eine Deutsche. Die 14-jährige Amelie (gespielt von der „Keine Angst“-Darstellerin Michelle Barthel) floh nach dem Tod der Mutter vor ihrem egoistischen Vater, lebte in Hamburg auf der Straße und freundete sich mit einem deutschstämmigen rumänischen Jungen an. Die beiden suchten in Rumänien ihr Glück, gerieten dort in die Fänge von Menschenhändlern und landeten wieder in Hamburg.

Das ist, zugegeben, etwas angestrengt konstruiert, und der Stoff beruht – bisher – auch nicht auf einem realistischen Szenario. Doch der Qualität des Films tut das keinen Abbruch: Nils Willbrandt (Buch und Regie) hat sich eine überaus spannende Jagd nach den Organhändlern und ihrem mobilen OP-Tisch ausgedacht. Temporeich-modern und mit ungewöhnlichen Bildern aus einem Hamburg erzählt, dessen Gewerbe- und Industrie-Ruinen nun Verbrecher im feinen Ärzte-Zwirn nutzen. Zugleich nimmt er sich Zeit für ruhige Einstellungen, in denen die moralischen Konflikte des Stoffs ohne viele Worte und aufdringliches Pathos zum Tragen kommen.

Ein Fall, wie geschaffen für den Cenk Batu des Mehmet Kurtulus, diesen ganzen Kerl und Einzelgänger, der etwas verloren in seiner Wohnung auf die Stadt herunterblickt, diesen harten Polizisten, der genauso überzeugend sanft und warmherzig sein kann. Zwischen Amelie und ihm entwickelt sich eine besondere Beziehung, ein Vater-Tochter-Verhältnis vielleicht. Erstaunlich, wie die junge Michelle Barthel die Scheu und Sehnsucht nach Geborgenheit ihrer Figur mit wenigen Blicken und Gesten vermittelt. Sehr hübsch auch die Idee, die türkische Familie von Batus Freund Erdal als Hort selbstverständlicher Gastfreundschaft zu inszenieren, während Amelies Vater seine Tochter nach kurzem Zögern durchaus verkaufen würde: Dieses Deutschland, möchte man sagen, darf sich wirklich abschaffen.

Ohnehin stehen Fernsehkommissare, ganz egal, welchen kulturellen Hintergrund sie haben, als Verbrecherjäger für das Gute, also irgendwie auch für das bessere Deutschland. Aber die Sache mit dem Guten und Bösen ist leider nicht immer ganz so eindeutig. Natürlich würde Batu niemals ein Mädchen wie Amelie, das ihm während der ersten Fahrt ins Lenkrad greift und flieht, ans Messer liefern. Doch wenn er im Geschäft bleiben und mehr über Strukturen und Hintermänner herausfinden will, muss er Amelie suchen und an seine Auftraggeber ausliefern – in der Hoffnung, dass seine Polizeikollegen rechtzeitig am OP-Tisch zur Stelle sind. Ein gewaltiges Dilemma, das sich da unter wachsendem Zeitdruck entfaltet. Batu kann nur Teufel oder Beelzebub sein. Was wiegt schwerer: Das Leben dieses einen Mädchens nicht in Gefahr zu bringen oder die Aussicht, den Organhändlern das Handwerk zu legen und andere zu retten? Im Grunde ein ähnliches Dilemma wie das der Eltern der bedauernswerten Sarah (Rosa Lenz), die dank Amelies Organen weiterleben könnte.

„Tatort: Leben gegen Leben“; ARD, 20 Uhr 15

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