Medien : Sowjet-Russland im Film: „Der kalte Sommer des Jahres 53...“

Hendrik Feindt

Im Grunde hätte die kleine Sendereihe zum Kino der UdSSR bereits zu Jahresbeginn gezeigt werden können: zum 100. Jahrestag der Matrosen-Aufstände von Kronstadt und von Odessa, die nicht nur die erste russische Revolution von 1905, sondern im Spiegel von Sergej Eisensteins 1925 gedrehtem „Panzerkreuzer Potjomkin“ auch den heroischen Beginn der sowjetischen Filmgeschichte unter der Regentschaft Stalins einläuteten. Aber Ende Januar 2005 standen – im Fernsehen wie in den übrigen Medien – die Monate des Kriegsendes in Deutschland auf der Agenda der weltgeschichtlichen Erinnerung. Und so kommt es, dass dieser Tage die Ausstrahlungen sowohl des bekanntesten Werks von Eisenstein wie auch der ikonographiekritischen Dokumentation „Stalin, eine Mosfilm-Produktion“ und heute Abend von Alexander Proschkins Spielfilm über die ersten Monate nach dem Tod Stalins, ihre eigene Konsequenz entwickeln.

Denn nach dem Ende des Faschismus in Deutschland war mit dem Tod des sowjetischen Diktators das zweite kurzzeitige, aber folgenreiche Machtvakuum in den Nachkriegsjahren entstanden. Wie sehr sich dieses bis in die entlegensten Gebiete des eurasischen Festlandes ausgewirkt hatte, demonstriert Proschkins „Der kalte Sommer des Jahres 53…“. Hergestellt 1987 im Auftrag der staatlichen Mosfilm-Produktion während der sowjetischen Perestroika unter Gorbatschow, ist es ein parabelhaft konzentrierter Rückblick auf ein von der Welt nahezu abgeschnittenes Fischerdorf im Norden Sibiriens, das zwei politische Gefangene beherbergt.

Erschüttert wird der Mikrokosmos einer von Miliz und Beamten kontrollierten Gesellschaft durch eine historisch verbürgte Amnestie: Innenminister Berija, vormals Chef des sowjetischen Geheimdienstes und von 1938 bis 1952 mitverantwortlich für die verheerenden stalinistischen Säuberungen, gewährte seinerzeit einen Straffreiheitserlass, von dem zuallererst nicht die politisch Inhaftierten, sondern die anderer Delikte Beschuldigten profitierten. Umstritten ist, welchen Zweck Berija mit seiner Maßnahme verfolgte. Hatte er sich freikaufen wollen, oder beabsichtigte er die Verbreitung unkontrollierter Kriminalität, um in Zeiten allgemeiner Unsicherheit die Nachfolge Stalins anzutreten?

Regisseur Proschkin vermutet Letzteres. Und inszeniert vor dem Hintergrund eines in Lethargie befangenen Dorfes einen an die Dramaturgie eines Western erinnernden Showdown, in dem sich die politisch diffamierten als die wahren Helden und Unschuldigen erweisen. Dass sich hinter dieser Konstruktion allzuoft ein Wunschdenken verbirgt, hat die Geschichte allerdings zur Genüge erwiesen. Denn wie häufig – ob nach 1945, nach 1953 oder nach 1989 – hat ein Machtvakuum jeweils alte Seilschaften fortdauern lassen oder eben vordergründig chaotische Zustände ausgeweidet, um neue Machtkonstellationen zu installieren und zu festigen? Proschkins Film war noch zu einer Zeit enstanden, als man hoffte, an die Euphorie des „Tauwetters“ der fünfziger Jahre wiederanknüpfen zu können. Doch seither haben sich, zumal innenpolitisch, die Fronten und die Systeme der Macht und Kontrolle verhärtet. Insofern hat das Wiedersehen des „Sommers 53“ auch einen Anflug von Nostalgie.

„Der kalte Sommer des Jahres 53…“, 3sat, 22 Uhr 25

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