Soziale Netze : Der Freund aus der Maschine

Gemeinsam oder einsam? Bei Facebook, Amazon und Google werden Empfehlungen immer wichtiger. Wie wir unser Leben vom Netz bestimmen lassen.

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Freunde gesucht: In sozialen Netzen wie Facebook beeinflussen Computeralgorithmen das Sozialleben.
Freunde gesucht: In sozialen Netzen wie Facebook beeinflussen Computeralgorithmen das Sozialleben.Foto: dpa

Diese Idee war selbst für das Internet zu wolkig. Die amerikanische Startup-Firma Cloud Girlfriend versprach einsamen Facebook-Nutzern eine virtuelle Traumfrau. Aussehen, Hobbys und andere Eigenschaften sollten frei bestimmbar sein. Dabei war die Retortenfreundin mehr als ein reiner Computeralgorithmus. Die Mitarbeiter des Unternehmens sollten dem virtuellen Gegenüber menschliche Züge geben. Die Freundin aus der Wolke ist allerdings aus der Beta-Phase nie herausgekommen. Interesse daran gab es zwar genug, die Einladungen für die geschlossene Testphase konnten den Bedarf nicht annähernd decken. Vielmehr brachten die Nutzungsbedingungen von Facebook das Unternehmen dazu, die Pläne zu modifizieren. Das soziale Netzwerk schließt Profile, hinter denen keine realen Menschen stehen, kategorisch aus.

Da war sie wieder, die Frage, ob die neuen Medien die Menschen einsamer machen. Buchautor Carsten Görig („Gemeinsam einsam – Wie Facebook, Google & Co. unser Leben verändern“) glaubt nicht, dass junge Menschen durch die sozialen Netze nun scharenweise vereinsamen. Sicherlich sei jemand, der sich nur noch mit Facebook beschäftigt, ein einsamer Mensch – obwohl er das Gefühl hat, in einer Gemeinschaft zu leben. Die sozialen Netzwerke machen es erheblich einfacher als früher, in solche Welten zu flüchten, da sie auch auf Dauer viel Ablenkung böten. Aber das gelte genauso für Online-Rollenspiele, bei denen einige Spieler ihr ganzes Sozialleben in die virtuelle Welt übertragen. „Wer einen gefestigten Freundeskreis hat und viel unterwegs ist, hat jedoch nichts zu befürchten.“
Obwohl Dienste wie Facebook und Twitter recht jung sind, haben sie schon einige Veränderungen bewirkt. Bei einer S-Bahn-Fahrt hatte Görig einen jungen Mann beobachtet, der verzweifelt versuchte, über das Facebook-Konto auf seinem Smartphone auf die Einladungsliste einer Party zu gelangen. Er telefonierte sogar mit einigen Freunden, damit sie ihn über ihre Computer auf die Liste setzen sollten, jedoch erfolglos. Obwohl der junge Mann also alles andere als sozial isoliert war und er über ein teures Kommunikationsmittel verfügte, blieb ihm die Party verschlossen.
Doch viel gravierender als eine verpasste Samstagnacht-Party sind andere Veränderungen. Das Internet bricht den Nutzer auf seine Daten herunter, sagt Görig. Die Nutzer haben sich bereits daran gewöhnt, dass Computerprogramme mit Empfehlungs-Funktionen ihm bei Amazon Buchtipps geben. Apples iTunes-Dienst Genius versucht, den Anwendern auf Basis der bisher gehörten Musik Vorschläge für andere hörenswerte Songs zu geben. Und bei Facebook & Co. werden nun nach dem gleichen Prinzip Vorschläge für neue Kontakte gemacht, weil man im Adressbuch eines anderen Facebook-Mitglieds steht oder ähnliche Interessen angegeben hat. „Der Mensch wird als berechenbar angesehen. Letztlich sind Mark Zuckerberg oder die Macher hinter Google Programmierer, die an die Berechenbarkeit des Menschen glauben“, sagt Görig. Selbst auf die vermeintlich objektive Suche im Internet wird dieses Prinzip inzwischen angewendet, wenn Google analysiert, was man in der Vergangenheit gesucht oder angeklickt hat, um die Antworten beim nächsten Mal anders zu sortieren. Doch wenn Algorithmen die Führung übernehmen, werden dem Zufall wenig Chancen gelassen. Auf längere Sicht beschäftigt man sich dann möglicherweise mit dem Immergleichen. „Das ist auch eine Form einer kulturellen Einsamkeit, in dem man sich in seinen Gedanken und in seiner Neugier einschränken lässt.“
Weil die Freundin aus der Wolke auf Facebook nicht landen konnte, lädt Cloud Girlfriend die einsamen Netzwerker jetzt auf die eigene Plattform ein. Dort können sie sich nun selbst in einer Mischung aus Match.com und Second Life so darstellen, wie sie schon immer sein wollten. Allein unter sich können sie nun mit anderen Avataren flirten. Eine Verbindung zu Facebook ist geblieben. Für die Anmeldung bei Cloud Girlfriend wird ein existierendes Facebook-Konto benötigt. Immerhin verspricht der Dienst, niemals etwas auf der Facebook-Pinnwand zu posten. Denn niemand möchte, dass diese Camouflage öffentlich wird.
Wie aktuell das Thema ist, zeigt eine Veranstaltung am Donnerstag. Die Initiative D21 stellt dann eine Studie des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung mit dem Titel „Homo digitalis: Macht das Internet unsere Kinder einsamer?“ vor. Im vergangenen Herbst hatte Ludger Wößmann in einer ersten Untersuchung festgestellt, dass ein Internetzugang der sozialen Vereinsamung eher entgegenwirkt als sie hervorruft. Nun haben er und sein Team die Untersuchung auf die Sieben- bis 16-Jährigen erweitert. Hockt etwa die Generation Facebook nur noch vor dem Computer? Das Thema bleibt auf der Tagesordnung.

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