Soziale Netzwerke : Gut vernetzt ist halb verkauft

Facebook verspricht nach Protesten besseren Schutz der privaten Daten. Doch das Netzwerk will Geld verdienen.

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Noch drin? Immer mehr Facebook-Nutzer sorgen sich darum, wie sicher ihre persönlichen Daten in dem sozialen Netzwerk nach den jüngsten Änderungen noch sind. Foto: dpa Foto: dpa
Noch drin? Immer mehr Facebook-Nutzer sorgen sich darum, wie sicher ihre persönlichen Daten in dem sozialen Netzwerk nach den...Foto: dpa

Florian Protz, 25, reicht es jetzt, er will Schluss machen – nicht mit seiner Freundin, sondern mit Facebook. Seit eineinhalb Jahren ist der Berliner Mitglied in dem sozialen Netzwerk. Als er sich anmeldete, verriet er Facebook, wo er wohnt, wann er Geburtstag hat und welche politische und religiöse Einstellung. Wenn er mit seinen Freunden feierte, lädt er die Partyfotos manchmal bei Facebook hoch. Die Bilder sehen jedoch nicht nur seine Facebook-Freunde, sondern jeder, der auf seine Seite klickt. Protz hat die Sicherheitseinstellung nicht auf „privat“ gesetzt. Er hat den Überblick verloren. Kein Wunder, denn inzwischen gibt es bei Facebook mehr als 150 verschiedene Möglichkeit, um festzulegen, welche Nutzer welche Bilder, Beiträge oder Links sehen dürfen. Da will sich Protz nicht mehr durcharbeiten – er löscht sein Facebook-Konto komplett.

Ein verlorener Jünger wäre für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vielleicht noch zu verschmerzen, doch derzeit hagelt es Proteste und Austrittsdrohungen. So sehr, dass er jetzt reagierte. In einem Beitrag für die „Washington Post“ gab er Fehler zu. Facebook habe die Kontrolle der privaten Daten scheinbar zu komplex gestaltet, „und das war wohl nicht das, was viele von Ihnen wollten“. Facebook werde die Kontrolle jetzt vereinfachen.

Unsicherheit herrscht bei den Mitgliedern schon lange darüber, ob ihre privaten Daten ausreichend geschützt sind. Befeuert wurde diese Sorge dann durch die jüngsten Änderungen, als Facebook die Einstellungen für die privaten Daten erneut veränderte und den sogenannten „Like“- oder „Gefällt mir“-Button für externe Websites einführte. Klickt ein bei Facebook angemeldetes Mitglied beispielsweise bei einem Online-Musikhandel auf diesen Button, sieht es sofort, welche seiner Facebook-Freunde die Seite ebenfalls mochten. Für die Facebook-Freunde ist das weniger interessant als für Facebook und die Unternehmen. Sie verbünden sich hier in dem Ziel, möglichst viele personalisierte Daten zu sammeln. Facebook weiß genau, auf welchen Seiten sich seine Nutzer umsehen. Und die Unternehmen sieht, wer sich für sie interessiert, zielgenaue Werbung war für sie selten einfacher.

Datenschützer sprechen von einer „nutzerbetriebenen Rasterfahndung“, Zuckerberg hingegen vom „transformativsten Ding, das wir je für das Internet gemacht haben“. Das Netz werde durch den „Like“-Button für externe Websites sozialer, personalisierter und schlauer – was er nicht sagte: Facebook wird vor allem noch mächtiger. Erst kürzlich hatte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner Facebooks Umgang mit der Privatsphäre kritisiert und mit ihrem Austritt aus dem Netzwerk gedroht.

Mehr als 400 Millionen Nutzern hat Facebook, das vor sechs Jahren gegründet wurde und seinen Sitz im kalifornischen Palo Alto hat, weltweit. In Deutschland soll das Netzwerk etwa neun Millionen Mitglieder haben. Damit das Netzwerk weiterhin wachsen kann, muss sich Zuckerberg das Vertrauen der Nutzer sichern. Doch in seinem „Washington Post“-Artikel blieb er unkonkret, wie er die Kontrolle über die privaten Daten künftig vereinfachen will. Immerhin versprach er, dass Facebook keine Informationen ohne Erlaubnis der Nutzer offen zugänglich mache, persönliche Informationen nicht an Werbekunden weitergebe und niemals an jemanden verkaufen werde. Das klingt allerdings eher nach PR-Nummer als nach ernsthaftem Anliegen. Denn gerade erst hatte das „Wall Street Journal“ berichtet, dass Facebook in einigen Fällen Werbekunden die Möglichkeit gegeben habe, zu erkennen, welche Nutzer ihre Werbung anklicken.

Damit offenbart sich das Dilemma, in dem Facebook weiterhin steckt. Für seine Mitglieder mag das Netzwerk eine Art virtuelles Lagerfeuer sein, am Ende ist es aber vor allem ein Unternehmen, das Geld verdienen will. 750 Millionen US-Dollar wurden bisher in das Netzwerk gesteckt und die Investoren warten darauf, dass es Gewinne abwirft. Personalisierte Werbung gilt als der Königsweg – doch sind dafür gerade die persönlichen Daten notwendig, die die Nutzer verständlicherweise privat halten wollen. Um diesen Konflikt zu lösen bleibt Zuckerberg wohl nur ein Schritt: Er muss vermitteln, dass sein Netzwerk Geld machen muss, um zu existieren. Florian Protz will seine Daten dafür nicht mehr hergeben.

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