Soziales Netzwerk Amen : Hitlisten für Hipster

Auf der Webseite "Amen" erstellen die Nutzer Listen für den schlechtesten Satz aller Zeiten oder das beste Fastfood. Wie ein Berliner Start-up die Welt in Schön und Schrecklich teilen lässt.

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Hitlisten für Hipster. Felix Petersen gehört zu den Mitbegründern von „Amen“. Mit der Website sollen Nutzer mitteilen können, was sie mögen und was nicht. Fotos:Amen
Hitlisten für Hipster. Felix Petersen gehört zu den Mitbegründern von „Amen“. Mit der Website sollen Nutzer mitteilen können, was...

Die Zentrale der Geschmackspolizei befindet sich am Schiffbauerdamm, gleich neben dem Berliner Ensemble über dem Restaurant „Ganymed“. Früher soll die Stasi hier Restaurantbesucher abgehört, später DDR-Funktionäre am illegalen Kasinotisch gezockt haben, zuletzt lebte ein britischer Geschäftsmann in der 200 Quadratmeter großen Wohnung, in der heute die Welt in Schön und Schrecklich geteilt wird. Jeden Tag lässt Felix Petersen hier mehr oder weniger ernst gemeinte Wahrheiten herunterbeten, andere Menschen mit einstimmen oder ihre eigenen Wahrheiten verkünden wie: Döner ist die beste Erfindung aus Berlin. Silvio Berlusconi ist der beste Komiker Italiens. „Ich will, dass wir gute Freunde bleiben“, ist der schlechteste Satz aller Zeiten. Amen.

Nachzulesen sind Aussagen wie diese auf www.getamen.com. Zusammen mit Caitlin Winner und Florian Weber hat Petersen die Website „Amen“ gegründet, um Hitlisten zu allen möglichen Themen entstehen zu lassen.

„In vielen Bereichen unseres Lebens wird die Auswahl immer größer, egal ob es um Bars, Reisen, Restaurants und Filme geht. Die Menschen sehnen sich deshalb nach Orientierung“, sagt Petersen. Das zeige auch Google, wo sich viele Anfragen um „Das Beste“-Prinzip drehen würden: Welches ist das beste Hotel in Berlin? Was ist das beste Notebook für unter 500 Euro? Was ist der angesagteste Club in New York? „Doch bevor die Menschen alles selbst durchsuchen oder probieren, verlassen sie sich lieber darauf, was ihnen Freunde empfehlen. Dabei soll ,Amen’ als Netzwerk helfen“, sagt Petersen.

Viel wird derzeit über die boomende Start-up-Szene in der Hauptstadt berichtet, aber wohl keines der jungen Unternehmen weiß IT mit Glamour so gut zu verbinden wie die „Amen“-Gründer mit ihrem Projekt. Als Investoren haben sie unter anderem Madonna-Manager Guy Oseary und US-Schauspieler Ashton Kutcher („Two and a Half Men“) gewinnen können. Kutchers Frau, die Schauspielerin Demi Moore gehört zu den ersten Anwendern: „Nach dem Sex ist der beste Zeitpunkt, um ,Amen’ zu nutzen“, postete sie – und bekam dafür 148-mal ein „Amen“. Mehr Aufmerksamkeit könnte eine teurere Kampagne kaum bringen.

Schon einmal hat Petersen ein Start-Up groß gemacht, als er den Lokalisierungsdienst „Plazes“ gründete, den er dann an Nokia verkaufte. Auch Florian Weber ist in der Szene bestens vernetzt, war der einzige Deutsche, der den Kurznachrichtendienst Twitter mit aufbaute.

Mit ihrer Hitlisten-Idee entwickeln sie nun ein beliebtes Facebook-Tool weiter: Den „Gefällt mir“-Button. „Amen“ heißt das Pendant bei ihrer Seite, wer es klickt, stimmt den Beiträgen anderer Nutzer zu. Auch Widerspruch ist möglich.

Wer „Hell No!“ sagt, muss allerdings einen Alternativvorschlag nennen. So entstehen die Hitlisten. Wie viele Nutzer bereits mitmachen, sagt Petersen nicht. Mehr als 30 000 sollen es aber sein.

Der Spielraum für die Beiträge ist jedoch begrenzt, denn die Textbausteine – ausschließlich in Englisch – sind vorgegeben, es gibt nur: „the best“ und „the worst“, „das Beste“ und „das Schlechteste“. Darum herum muss der Nutzer dann seine Aussage treffen, Fotos oder Links können wie bei Facebook oder Twitter nicht gepostet werden. Der Spielraum des Nutzers ist damit eingeschränkt.

Bisher geht es auf der Seite oft zu wie im Sandkasten – nur, dass nicht um die schönste Schaufel gekämpft wird, sondern darum, wer den intelligentesten, blödesten oder provozierendsten Spruch macht: Cape Canaveral ist der beste Ort für Abflüge in der Welt. Frappuccino ist der beste Weg, um einen Italiener anzuekeln. „Jeder bringt was mit, und am Ende ist nur Marmorkuchen und Nudelsalat da“, ist das schlechteste Partykonzept aller Zeiten.

Ein schöner Zeitvertreib, aber auch ein Geschäftsmodell? Petersen glaubt daran. „Amen“ soll sich durch Werbung auf der Seite finanzieren. Sucht ein Nutzer beispielsweise nach einer Bar in Berlin, könnten sich Bars selbst als die besten anpreisen. Die Werbung soll entsprechend gekennzeichnet sein.

Auch für Marktforscher soll „Amen“ interessant sein – selbst, wenn manche Ergebnisse so voraussagbar sind wie beispielsweise die Frage nach dem besten Essen „auf die Hand“. Klarer Gewinner, schließlich kommt „Amen“ aus Berlin: Döner.

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