Spaniens "Stimme der Demokratie" : Geld und Geschütze

Krise bei „El Pais“: „Panama Papers“ verhageln den 40. Geburtstag bei Spaniens führender Tageszeitung. Der Verleger Juan Luis Cebrián hängte seinen Journalisten sogar einen Maulkorb um.

Ralph Schulze/Madrid
Richtig wichtig. Wenn Spaniens einflussreiche Zeitung „El País“ ihren 40. Geburtstag feiert, dann schaut selbst König Felipe auf ein Grußwort vorbei.
Richtig wichtig. Wenn Spaniens einflussreiche Zeitung „El País“ ihren 40. Geburtstag feiert, dann schaut selbst König Felipe auf...Foto: dpa

Spaniens „Stimme der Demokratie“, die traditionsreiche Tageszeitung „El País“, befindet sich in der Krise. Das Blatt, das dieser Tage sein 40-jähriges Jubiläum feiert, hat gleich mehrere Probleme. Die international bekannteste Zeitung Spaniens verlor in den letzten zehn Jahren rund die Hälfte ihrer verkauften Auflage. Und nun kratzt auch eine Panama-Affäre um den allmächtigen El-País-Verleger Juan Luis Cebrián an der Glaubwürdigkeit des Blattes, überschattet den Zeitungsgeburtstag und lässt die Stimmung in den Redaktionen hochkochen.

Seitdem die Konkurrenz berichtete, dass der Name von Cebriáns Ex-Frau in den „Panama Papers“ auftauche, weil sie von 2004 bis 2010 – als sie noch mit Cebrián liiert war – Bevollmächtigte einer Briefkastenfirma auf den Seychellen gewesen sei, sieht der Verleger rot. Seine Stimmung wurde nicht besser, als ergänzt wurde, dass seine frühere Ehefrau behauptet haben soll, hinter der besagten Steuersparfirma stecke Cebrián selbst.

Dies seien alles „absolut falsche Andeutungen“, donnerte der Verleger, dessen mächtige Mediengruppe Prisa auch im Radio-, TV- und Buchgeschäft aktiv ist – und hängte seinen Journalisten einen Maulkorb um.

Diese unrühmliche Ehre bleibt Juan Luis Cebrián vorbehalten

Dann fuhr Cebrián schwere Geschütze gegen seine eigene Branche auf: Er verklagte den Fernsehsender La Sexta und die Online-Plattform El Confidencial, die zu jener internationalen Recherchegruppe gehören, welche die Unterlagen des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca aufgearbeitet haben.

Die angesehene Internetzeitung El Diario, welche gleichfalls furchtlos über Cebríans mutmaßliche Panama-Verbindungen berichtete und El País in Sachen investigativer Journalismus zunehmend überholt, wurde ebenfalls vor den Kadi gezerrt.

Die „Panama Papers“ werfen übrigens auf etliche illustre Namen und Institutionen aus Spanien dunkle Schatten: Auf das Königshaus etwa oder auf EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete. Der inzwischen zurückgetretene Industrieminister José Manuel Soria, Ex-Vize-Regierungschef Rodrigo Rato, Spitzenfußballer und prominente Unternehmer tauchen in den Papieren auf. Doch niemand ist bisher in Spanien gegen jene Journalisten vor Gericht gezogen, welche Einzelheiten und Namen aus den „Panama Papers“ veröffentlichten.

Diese unrühmliche Ehre bleibt nun ausgerechnet Juan Luis Cebrián vorbehalten. Er war übrigens als erster El-País-Chefredakteur einer der Gründerväter dieser angesehenen Zeitung, die sozialdemokratisch ausgerichtet ist.

Ein Blatt, das mit seiner Gründung vor 40 Jahren, wenige Monate nach dem Ende der bleiernen Franco-Diktatur in Spanien, den Journalismus neu erfand. Und das bis heute die auflagenstärkste Tageszeitung Spaniens ist, auch wenn die Zahl der täglich verkauften Exemplare inzwischen auf etwa 220 000 Exemplaren abgestürzt ist.

Unbeeindruckt von der öffentlichen Kritik an seinem fragwürdigen Privatkrieg gegen jene spanischen Medien, welche halfen, den Panama-Skandal aufzudecken, beschwor der 71-jährige Medienboss zum 40-jährigen Geburtstag seines schwankenden Presseflaggschiffes den unabhängigen Journalismus. Und zwar mit einem Artikel in El País, den er mit der Überschrift garnierte: „Für die Freiheit.“

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