Medien : Spaßgesellschaft und Fernsehen: Lachen ist Gold, Reden ist Silber

Stefan Reinecke

Von François Truffaut stammt der hübsche Satz, dass Hollywood wie Himbeereis ist: Man kann es nicht kritisieren. In dieser Pointe verbirgt sich ein fundamentales Problem: Wie spricht man über die Popindustrie, die immun gegen Kritik zu sein scheint? Hollywoodfilme sind noch vergleichbar einfache Objekte: Produkte, die über Stars funktionieren und eine klare zeitliche Struktur haben. Wie viel schwieriger ist es, über unser Spaß-Fernsehen zu reden, jene endlose Abfolge von Programmformaten, jene flüchtige Erscheinung, die keine Stars, sondern nur undeutliche Prominenz hervorbringt? Die Spaßgesellschaft und das Spaß-TV haben in den Feuilletons derzeit eine Baisse. Sie sind kein umkämpftes Terrain mehr, sie taugen nicht mehr als Anlass gesellschaftlicher Erregung, genauer: seit "Big Brother". Wir haben uns daran gewöhnt, dass Fun ein TV-Genre geworden ist. Wir haben achselzuckend akzeptiert, dass dabei die bürgerliche Grenze von Privatem und Öffentlichem gefallen ist. Doch das Problem bleibt: Wie kann man über die Endlosschleife von Comedies und inszenierter Authentizität eigentlich noch sprechen? Insofern war das Thema der "Mainzer Tage der Fernsehkritik" richtig gewählt - es kam mindestens ein Jahr zu spät, aber gerade das verschlafen Antimodische wirkte irgendwie charmant.

Antwort Eins: Man muss die Ideologie dahinter freilegen. Der Medienwissenschaftler Knut Hickethier ging traditionell ideologiekritisch an die Sache heran. Der deutsche TV-Spaß ist nichts anderes als die Verlängerung der Arbeit, verkleidet als Amusement. In den 60ern wurden bei Vico Torriani und Peter Frankenfeld eifrig Punkte gesammelt, es wurde geraten und konkurriert. Viele Regeln, wenig Spaß, Leistung mit Lächeln. Hier wurde Unterhaltung erarbeitet. Darin spiegelte sich die starre bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft, deren Kern der Wiederaufbau war. In den 70ern verschwanden das TV-Ballett und die Showmastertreppe, der Ton wurde lässiger. In "Wünsch dir was" wurde der Tabubruch und die Erlebnisgesellschaft im deutschen Fernsehen vorweggenommen. Familien versanken samt Auto in einem Wasserbecken, die Tochter des Hauses trat mit durchsichtiger Bluse auf. So ging es, Hickethier zufolge, munter weiter bis heute. Die Schamgrenze verschob sich immer weiter. Heute haben wir den "flexiblen Zuschauer" (Hickethier), der über alles reden will. Die Nachmittagstalks sind die Trainingslager des postmodernen Kapitalismus, in denen der neue heimliche gesellschaftliche Normierungszwang vorexerziert wird. Trash-TV ist die Avantgarde der Modernisierung, in der das offene, kommunikationsbereite Individuum geformt wird, das sich für nichts zu doof ist.

Das klingt alles plausibel. Aber gleichzeitig ist es ein empörungssicherer Blick von oben, von den Festungstürmen der Intelligenz auf den Plebs. Das birgt mehr als nur die Gefahr, sauertöpfisch zu wirken. Es ignoriert die Frage, ob Pop nicht einfach resistent gegen Ideologiekritik ist, ob man mit Adorno im Gepäck Stefan Raab, die Persiflage als Programm, überhaupt versteht. Und es vereindeutigt das Doppeldeutige. So zeigte Hickethier eine Szene aus Schlingensiefs "U3000", eine Sendung, die das Chaos und die Assoziation zum Stil macht. Eine Zuschauerin in der U-Bahn wird kurzerhand gefesselt, Schlingensief traktiert sie mit Unverschämtheiten, als Gast steht irgendwo Bärbel Schäfer herum. Das ist nicht einfach nur more of the same, eine weitere Verschiebung der Schamgrenze. Der armen Zuschauerin geschieht hier drastisch sichtbar, durch Fesseln und eine theatralisch angedeutete Vergewaltigung, was, verhüllt, auch in den Daily Talks, bei Bärbel Schäfer und Arabella, geschieht. In diesem Schlingensief-Exorzismus verschwinden die Grenzen zwischen Kritik und Affirmation. Bei Raab und Harald Schmidt ist es ähnlich. Deshalb sieht der (Ideologie-)Kritiker plötzlich so alt aus.

Antwort zwei: Wir verstehen die Frage nicht. Bärbel Schäfer, die leibhaftig auftrat, findet die (Fernseh-)Welt in Ordnung. In einer sanft dahindämmernden Runde von Comedy- und Talk-Machern erläutert sie, dass ihre Sendung immer anständiger wird. Bärbel Schäfer geht es um "Herzenswärme". Sie will Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, ins Gespräch bringen. Bärbel Schäfer weiß nicht, warum man eine Fernseh-Welt kritisieren soll, in der es Himbeereis und Herzenswärme gibt.

Antwort drei: Die Kritik ist an ihrem Elend selbst schuld. Erinnert sich noch jemand an die kollektive Erregung, bevor "Big Brother" startete? An besorgte Leitartikler, aufgeregte Feuilletonisten, entsetzte Medienwächter, einen mit Verboten drohenden Ministerpräsidenten? Die Fernsehkritikerin Klaudia Brunst wies darauf hin, dass diese Moralaufwallung eine kurze Halbwertzeit hatte, dass sie sich für ihren Gegenstand eigentlich nicht interessierte. Denn als rund um den Container wirklich unschöne Dinge geschahen, als eine Teilnehmerin von einer hysterischen Meute drangsaliert wurde, als die Spielregeln sich willkürlich änderten, da hatten die Großraummoralisten längst den Kanal gewechselt.

PR für "Big Brother"

Auch die Kritik hat, so das Resümee, bei "Big Brother" brav ihren Part bei der Abfolge von Skandalisierung und Routine, von Eklat und blinder Gewöhnung gespielt. Wenn alle mitmachen, "dann müssen wir es auch", meinte Alexander Gorkow von der "Süddeutschen". "Wir haben", so Reinhard Mohr vom "Spiegel", "die PR für "Big Brother" gemacht." Eine Bankrotterklärung. Niemand widersprach.

Antwort vier: Die Kritik muss vor allem genau sein. Kann man Figuren wie Zlatko oder Alex überhaupt kritisieren? Eigentlich nicht. Stars kann man analysieren, Stars sind Verdichtungen von Mentalitäten. Zlatko & Co sind Zerstreuungen. Prominenz hat sich von Kompetenz abgekoppelt, meinte ein kluger Professor. Einfacher gesagt: Man muss heutzutage nichts mehr können, um berühmt zu werden. Man muss nur einfach da sein. Wer Verona Feldbusch kritisiert, macht sich lächerlich, weil er die Spielregel, die Ironie, nicht versteht.

Zwei jüngere Kritiker, René Martens und Stefan Niggemeier, zeigten, wie man über solche Phänomen sprechen kann, über Christoph Daum und Big-Brother Alex. Alex wurde durch seine Affäre mit Jenny Elvers prominent. Diese Beziehung war die erste nahezu komplett von TV und Yellow Press abgebildete Lovestory, vom ersten Treffen bis zum Ultraschallbild des Babys auf der Titelseite der "Bild". Heute ist Alex eigentlich out. Aber die mediale Maschine braucht ihn noch und erfindet obskure Episoden um ihn. Alex & Jenny - eine traurige Geschichte. Man kann sie erzählen, indem man ironisch hinschaut. Moralische Distanzgesten, die selbst zum Treibstoff medialer Inszenierung werden, braucht man dafür nicht.

Und jetzt? Ist das Fun-TV nicht sowieso auf dem absteigenden Ast? Harald Schmidt verlegt sich aufs Bildungs-TV, in Mainz erklärte er salopp 80 Prozent des Fernsehens für Schrott. Die dritte Staffel von "Big Brother" war ein Flop. Ist also der televisionär betriebene Zusammenbruch von Privatem und Öffentlichem gestoppt? Eher nicht. Der nächste Import eines garantiert tabusprengenden Fernsehformats kommt bestimmt.

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