Medien : Speer und wir

In Hamburg wurde der neue Breloer-Film vorgestellt, der Hitlers Rüstungsminister entlarven will

Barbara Nolte

Hamburger Kammerspiele. Im Foyer drängeln die Journalisten, stolpern über die Kabel ihrer Kollegen vom Fernsehen. Aus dem ganzen Land sind sie zur Vorstellung des neuen Breloer-Films angereist. Heinrich Breloer ist für das dokumentarische Fernsehen eine so übermächtige Figur wie Harald Schmidt für Unterhaltung. Unzählige Grimme-Preise, Bambis, ein Emmy. Breloer ist der deutsche TV-Geschichtsschreiber. Der kluge Knopp, so zu sagen. In „Todesspiel“ hat er die Entführungen der Landshut und Hanns Martin Schleyers nachinszeniert. In „Die Manns“ erzählte er die Lebensgeschichte der Schriftstellerfamilie. Für seinen neuen Dreiteiler, der am 9., 11. und 12. Mai läuft, hat er sich mit einer Epoche beschäftigt, an der sich die Deutschen offenbar nicht satt sehen können: der Nazi-Zeit.

Breloers Protagonist ist Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister. Speer, der nette Nazi. Ihm gelang es, in den Nürnberger Prozessen im wahrsten Sinne des Wortes seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen – auch weil sich keiner vorstellen konnte, dass ein Mensch, der so sympathisch wirkt, so böse sein kann. Breloer ist Speer selbst einmal begegnet. „Er hat mich bezaubert“, sagt er. Horst Königstein, damals wie heute Breloers Kompagnon, wandte ein: „Speer spricht wie ein Dritter über sich selbst.“ In drei Jahren Recherche – keiner vergräbt sich so tief in Archive wie Breloer – bestätigte sich Königsteins Skepsis. Mit seinem Film, sagt Breloer, wolle er „den Tanker“ Speer, „der munter auf den Weltmeeren schwimmt, auf eine Sandbank setzen“.

Sebastian Koch spielt Speer. Koch war bei Breloer schon Andreas Baader und Klaus Mann, und im großen Nazi-Film und Preis-Abräumer des vergangenen Jahres spielte er den Grafen Stauffenberg. Koch ist die erste Wahl für Charakterrollen mittleren Alters – wenn es Tobias Moretti nicht gäbe. Moretti ist diesmal Hitler. Hitler also trainiert in seiner Münchner Wohnung mit einem quietschenden Expander seine Armmuskeln, damit er bei Paraden stundenlang den Hitler-Gruß machen kann, als Speer hereinkommt. „Achten Sie mal darauf, Speer“, sagt Hitler, „wie oft der Göring den Arm absetzen muss.“ Moretti ist um seine Rolle nicht zu beneiden. Bruno Ganz war im „Untergang“ als Hitler grandios, er war viel besser als Moretti.

Breloer verwandte für „Speer und Er“ die Montagetechnik aus dokumentarischem Material und nachinszenierten Szenen, die er erfand und die sich wie nichts sonst eignet, Geschichte zu veranschaulichen. Bei Knopp in Mainz haben sie mittlerweile eine kleine Fabrik für diese Methode errichtet. Breloer macht dagegen Unikate, Kunstwerke. Seine Gabe ist es, Nähe zu Zeitzeugen herzustellen. So sympathisch wie Elisabeth Mann-Borghese in den „Manns“, versuchen diesmal die Speer-Kinder Albert, Hilde und Arnold, den Vater zu erklären. Meisterhaft verknüpft Breloer die dokumentarischen Teile mit den Spielszenen, die perfekt gespielt, perfekt ausgestattet sind. Für Breloer sind selbst Stars wie Michael Maertens und Hannes Jaenicke zu Kleinstrollen bereit. Und das Budget von 12 Millionen Euro erlaubt aufwändige Kulissen.

„Speer und Er“, das sind wieder 270 hoch interessante Fernsehminuten. Nur wird Speer am Ende psychologisch nicht klarer. Er war blind vor Ehrgeiz, windig. Das wusste man vorher schon. Breloer hat neues Belastungsmaterial zusammengetragen. In Nürnberg hat Speer zum Beispiel lanciert, dass er gegen Kriegsende Giftgas in den zentralen Luftschacht des Führerbunkers leiten wollte. Ein Bunkerexperte versichert, dass Bunker gar keine zentralen Luftschächte hätten. Speer war also offensichtlich auch ein Lügner, ein Opportunist. Nur sind bei Speer, wie Koch ihn spielt, die Abgründe hinter der charismatischen Fassade nicht zu erkennen. Der Tanker schwimmt weiter. Am nächsten in Richtung Sandbank hat ihn die Biografin Gitta Sereny manövriert. Ihr zehn Jahre altes Buch erklärt immer noch am besten Speers Zwiespältigkeit. Geschriebenes Wort erlaubt mehr Zwischentöne als Schauspiel.

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