Medien : Sperrgebiet für Journalisten

Lebensgefährliche Lage: Die deutschen Korrespondenten verlassen den Irak

Till Frommann,Joachim Huber

Die Sicherheitslage im Irak hat sich deutlich verschlechtert. Das Auswärtige Amt rät „deutschen Staatsangehörigen dringend, das Land zu verlassen“. Das Risiko von Entführungen sei, „wie zahlreiche Vorfälle in jüngster Vergangenheit gezeigt haben“, sehr hoch. Und dieses Kidnapping findet nicht mehr nur auf den Straßen statt, mittlerweile holen die Entführer ihre Opfer aus Häusern heraus.

Diese neue „Qualität“ bringt die Korrespondenten der deutschen Medien in Bagdad unter Zugzwang. Das ZDF verzichtet zunächst auf die regulär geplante Ablösung seiner Journalisten. Halim Hosny hat nach Angaben von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Bagdad verlassen, sein möglicher Nachfolger, ob Luc Walpot, derzeit in Saudi-Arabien, oder Ulrich Tilgner, der sich in Afghanistan aufhält, muss warten. „Klar ist, wir schicken unsere Leute wieder in den Irak, sofern unsere eigene Beurteilung und die Analyse anderer Quellen es zulassen.“ Das Büro des ZDF befindet sich in einem so genannten „compound“, einer jener zu Hochsicherheitstrakten umgebauten Hotelanlagen. Diese „compounds“ werden von den Einwohnern Bagdads als „das Abu Ghraib für Ausländer“ bezeichnet. Abu Ghraib ist das Gefängnis, das seit den Misshandlungen des US-Militärs berüchtigt ist.

Gregor Mayer, der Irak-Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa), sagt: „Angst empfinde ich nicht, doch ich bin mir im Klaren darüber, dass Bagdad ein gefährlicher Ort ist.“ Im Moment ist Mayer dabei, seinen vorläufigen Abzug aus dem Irak vorzubereiten. Er wird nach Kairo wechseln, das Büro in Bagdad wird von vier bis fünf einheimischen Mitarbeitern weiter betrieben werden. Nach Kairo wird er jedoch nicht über den gefährlichen Landweg gelangen, sondern einen Shuttleflug nutzen, der von Bagdad in die jordanische Hauptstadt Amman geht. Das sei die „sicherste Verbindung“, sagt er, „da ist noch nie etwas passiert“.

„Sowohl von außen als auch von Mitarbeitern vor Ort wird das Risiko für westliche Ausländer hoch eingeschätzt“, sagt Thomas von Mouillard, Auslandschef und stellvertretender dpa-Chefredakteur. „Da scheint es uns derzeit nicht opportun zu sein, einen westlichen Mitarbeiter einzusetzen.“ Wann Mayer nach Bagdad zurückkehre, sei schwer zu sagen. „Wir werden prüfen, wie sich die Lage im Irak ändert und wie hoch das Sicherheitsrisiko ist. Dementsprechend werden wir entscheiden“, so von Moillard.

Das Reporter-Team vom ZDF ist bereits nach Deutschland zurückgekehrt. Am Sonntag reiste es aus Bagdad ab. Wer berichtet jetzt aus dem Irak? ZDF-Chefredakteur Brender sagt: „Wir werden unser Grundprinzip nicht aufgeben, dass unser Zuschauer nur das Material sieht, das von uns bearbeitet und geprüft wurde.“ Die Infrastruktur des Büros bleibe bestehen, die irakischen Mitarbeiter des ZDF würden weiter ihre Informationen sammeln, weiter ihre Berichte drehen. Zudem verfügt der Sender laut Brender über telefonische Quellen, zahlreiche internationale Agenturen wie Reuters TV, und sie würden die anderen Sender wie CNN, BBC World oder den arabischen Satellitensender Al Arabiya auswerten. „Die Glaubwürdigkeit der ZDF-Berichterstattung ist gesichert“, sagt Brender

Der Südwestrundfunk (SWR) ist in der ARD für die Fernsehberichterstattung aus dem Irak zuständig. Auch dort plant man, den Korrespondenten Stephan Schlentrich und sein Team aus dem Irak abzuziehen. Der Korrespondent sagt, sein Team fühle sich inzwischen „observiert“. Einer seiner Mitarbeiter könne „nur noch mit einem Panzerwagen nach Hause fahren“, den die ARD angemietet habe. Wegen der Gefahr der Geiselnahmen sei die Berichterstattung nur noch vom Hotel aus möglich gewesen. Nach Angaben von ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann wird das Korrespondenten-Team zum nächstmöglichen Termin nach Kairo verlegt werden – vermutlich bis Mitte dieser Woche. „Die Journalisten haben sich so gut eingearbeitet, um auch von dort abwägen zu können, was wahr ist und was nicht. Natürlich wäre es besser, vom Ort des Geschehens zu berichten, aber wenn man die Risiken abwägt, geht es nicht anders“, sagt von der Tann.

Die N24-Reporterin Katrin Sandmann ist seit gestern wieder in Deutschland. Sie berichtete auch für Pro 7 und Sat 1. Ebenso verlässt RTL-Korrespondent Georg von Ehren das Land und kehrt nach Deutschland zurück.

Nach Lage der Dinge arbeitet am Ende der Woche kein deutscher Korrespondent mehr im Irak.

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