''Spiegel'' : Die Hauruck-Lösung

Wechsel in der „Spiegel“-Chefredaktion: Stefan Aust ist ab sofort abberufen. Der bisherige Chef von "Spiegel Online" Blumencron und Georg Mascolo sollen das Magazin modernisieren.

Joachim Huber,Sonja Pohlmann
Spiegel
Neue Doppelspitze. Georg Mascolo (links), Leiter des Hauptstadtbüros, und Matthias Müller von Blumencron, Chef von "Spiegel...Foto: dpa

Beim „Spiegel“ haben sie am Dienstag die Reißleine gezogen. Um das mittlerweile rufschädigende Gezerre um Stefan Aust endlich zu beenden, hat der Spiegel-Verlag Aust gestern „mit sofortiger Wirkung als Chefredakteur abberufen und freigestellt“. Zugleich übernahmen Mathias Müller von Blumencron (Chef von Spiegel Online) und Georg Mascolo (Leiter des Hauptstadtbüros) die Chefredaktion, heißt es in einer Mitteilung vom Dienstag. Dies hätten die Gesellschafter des Spiegel-Verlags, die Mitarbeiter KG (50,5 Prozent der Anteile), der Verlag Gruner + Jahr (25,5 Prozent) und beide Erben, Franziska und Jakob Augstein, beschlossen. Die beiden neuen Chefredakteure seien absolut gleichberechtigt, eine Aufgabenteilung nicht vorgesehen, ob und wie es zu einer Verlinkung zwischen dem Print-Magazin und Spiegel Online kommen soll, wurde in Kreisen der Mitarbeiter als ebenso offene Frage bezeichnet wie mögliche Änderungen im Heft. Es gebe „Ideen, kein ausgereiftes Konzept“. Jetzt müsste die neue Spitze erst einmal den nächsten „Spiegel“ machen, möglicherweise werde dabei die Planung von Stefan Aust übernommen.

Nachdem am Montag ein Gütetermin zwischen Aust und dem Verlag gescheitert und erst der 7. Mai als neuer Verhandlungstag vor dem Arbeitsgericht in Hamburg angesetzt worden war, wollte der Verlag nicht länger warten. Aust musste abberufen werden, um den Weg für die neue Doppelspitze freizumachen. Aus der Mitarbeiter KG hieß es, nach dem gescheiterten Einigungsversuch sei die sofortige Trennung der „logische Schritt“ gewesen. Aust klagt zurzeit vor dem Hamburger Arbeitsgericht im Rahmen einer Kündigungsschutzklage gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber.

„Der Spiegel-Verlag dankt Stefan Aust, der 13 Jahre lang Chefredakteur des Spiegel war, für seine außerordentlich erfolgreiche Arbeit“, steht in der Mitteilung des Verlags. Es sei maßgeblich Austs Verdienst, dass der „Spiegel“ in einem stark umkämpften Zeitschriftenmarkt Deutschlands bedeutendstes und Europas auflagenstärkstes Nachrichtenmagazin sei.

Die Gesellschafter und die Geschäftsführung wollen mit dem Wechsel vom 61-jährigen Aust zu Blumencron (47) und Mascolo (43) „eine Verjüngung an der Spitze und eine Modernisierung im Blatt“. Das seien insbesondere für die Mitarbeiter KG die Hauptmotive für die Neubesetzung der Chefredaktion. „Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo sind dafür die idealen Kandidaten“, sagte Armin Mahler, der Vorsitzende der KG. „Beide haben in verschiedenen Funktionen innerhalb des Hauses Kreativität und Führungsstärke bewiesen, beide stehen aber auch für die klassischen Spiegel-Tugenden.“

Die neuen Chefredakteure arbeiten seit mehr als 15 Jahren für die Medien der Spiegel-Gruppe. Mathias Müller von Blumencron wurde nach Jurastudium und Journalistenschule 1989 Redakteur bei „Capital“ und wechselte dann als Korrespondent zur „Wirtschaftswoche“. 1992 ging er zum „Spiegel“ ins Ressort Deutschland II, es folgten Korrespondentenjahre in Washington und New York. Seit dem 1. Dezember 2000 ist Müller von Blumencron Chefredakteur von Spiegel Online. Unter seiner Leitung ist das Portal zur führenden Nachrichtenadresse im Internet aufgestiegen; die defizitären Jahre sind überwunden.

Georg Mascolo begann seine Arbeit in der Spiegel-Gruppe bereits 1988. Für Spiegel TV drehte er Berichte und Dokumentationen, vor allem über das Ende der DDR und die Wiedervereinigung. 1992 ging er zum Print-Magazin, wo er später stellvertretender Leiter des Berliner Büros und danach Chef des Deutschlandressorts in Hamburg war. Im August 2004 wechselte er als politischer Korrespondent für den „Spiegel“ nach Washington. Seit Juli 2007 leitet er mit Dirk Kurbjuweit das Hauptstadtbüro in Berlin. Mascolo ist als glänzender Rechercheur und investigativer Journalist ausgewiesen. Zwar nicht das erste „Ziehkind“ von Stefan Aust, aber von diesem immer gefördert.

Zum Personalpaket gehört auch, dass Martin Doerry stellvertretender Chefredakteur des „Spiegel“ bleibt. Joachim Preuß, ebenfalls ein Stellvertreter von Stefan Aust, hatte schon länger angekündigt, mit Aust das Verlagshaus zu verlassen. Für die Spitze von Spiegel Online darf erwartet werden, dass die bisherigen Stellvertreter von Blumencron, Wolfgang Büchner und Rüdiger Ditz, nachrücken werden.

Der abberufene Stefan Aust wird seine Kündigungsschutzklage bis zum 7. Mai weiterverfolgen – es sei denn, er einigt sich vorher mit dem Verlag auf eine Abfindung. Nach Austs Auffassung ist sein Vertrag bis Ende 2010 gültig, der „Spiegel“ meint jedoch, dass der Vertrag zum 31. Dezember 2008 kündbar war – die Dauer ist auch entscheidend für die Summe, die Aust als Abfindung gezahlt werden muss. Bisher war der „Spiegel“ nicht bereit, auf seine Forderungen einzugehen. Man liege mehrere Millionen auseinander, sagte „Spiegel“-Anwalt Stefan Lunk am Montag nach dem gescheiterten Gütetermin. Dass sich der Verlag nun doch auf Aust zubewegt, ist erst einmal unwahrscheinlich. Zwar sind weitere Gespräche angekündigt. Vermutlich wird es erst am 7. Mai zu einer Lösung kommen.

Fraglich ist nur, was passiert, wenn der Verlag verliert. So könnte das Gericht feststellen, dass Aust unrechtmäßig gekündigt wurde. Zurück auf den Chefsessel wird er dann sicher nicht kehren, aber die Chancen, eine entsprechend hohe Summe als Abfindung einzuklagen, dürften steigen. Stefan Aust hat jetzt erst einmal seinen restlichen Jahresurlaub genommen. Vom 26. März an ist er dann freigestellt.

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