Spiegel-Streit : Gütlich geht nicht

Chefredakteur Stefan Aust und derSpiegel-Verlag streiten weiter um eine Millionenabfindung. Noch steht der Journalist im Dienste des Hamburger Verlages.

Sonja Pohlmann,Torben Waleczek

Für „Spiegel“-Chef Stefan Aust ist es ganz einfach: „Wenn man mir ein vernünftiges Angebot macht, dann gehe ich.“ Doch was „vernünftig“ ist, wird im Verlag an der Hamburger Brandstwiete unterschiedlich definiert. Aust fordert für die vorzeitige Beendigung seines Arbeitsverhältnisses eine Abfindungssumme, die der Verlag nicht zahlen will. Man liege mehrere Millionen Euro auseinander, sagte Anwalt Stefan Lunk, der den Spiegel-Verlag vertritt. Deshalb streiten jetzt beide Parteien vorm Hamburger Arbeitsgericht. Die Sache eilt, Austs Nachfolger stehen bereits in den Startlöchern: Mathias Müller von Blumencron (Chef von Spiegel Online) und Georg Mascolo (Leiter des Hauptstadtbüros) sollen die neue Doppelspitze bilden. Offiziell ist das von Verlagsseite noch nicht bestätigt, kein Wunder, der alte Chef ist ja noch im Amt.

Die Lage scheint immer verzwickter. Am Montag scheiterte der erste Gütetermin zwischen Aust und dem Spiegel-Verlag, am 7. Mai sollen sich die Parteien erneut vor Gericht treffen. Ob Aust bereits vorher den „Spiegel“ verlassen wird oder im gekündigten Verhältnis das Magazin weiter produziert, bis über seine Abfindung entschieden ist, bleibt fraglich. „Ich mache meinen Job sehr gerne und hatte mich darauf eingestellt, meinen Vertrag bis zum 31. Dezember 2010 zu erfüllen“, sagte Aust dem Tagesspiegel.

Genau da liegt jedoch der Knackpunkt des Rechtsstreits. Ob Austs Vertrag zum Ende des Jahres 2008 oder erst 2010 kündbar war, wird von den Parteien unterschiedlich interpretiert – und die Dauer ist in diesem Fall entscheidend. Denn auch nach ihr richtet sich die Summe, die der Verlag an Aust zahlen müsste, wenn er vor Vertragsende das Haus verlässt. Und das soll er, auf Wunsch der Mitarbeiter KG, die Mehrheitseigners des „Spiegel“ ist. Im vergangenen November hatte Aust, der seit 1994 an der „Spiegel“-Spitze steht, überraschend die Kündigung seines Vertrags zum 31. Dezember 2008 erhalten. Jetzt bestreitet er deren Rechtmäßigkeit. Nach seiner Auffassung wurden bei seiner Vertragsverlängerung 2004 Absprachen getroffen, die eine ordentliche Kündigung frühestens zum 31. Dezember 2010 erlauben. Diese Zusagen sollen ihm auch vom früheren Gruner+Jahr-Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann und dem damaligen „Spiegel“-Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel gegeben worden sein. Die „Spiegel“-Gesellschafter erklären jedoch, dass es eine Klausel gebe, die eine vorzeitige Kündigung zum Jahresende ermögliche. In dem Streit geht es auch um Austs Vertrag als Herausgeber von Spiegel-TV, der ebenfalls gekündigt wurde. Nach Austs Auffassung ist er bis 2013 gültig. Er sieht keinen Grund, „der geeignet wäre, die Kündigungen gemäß Kündigungsschutzgesetz zu rechtfertigen“.

Beide Parteien hatten bereits versucht, sich außergerichtlich zu einigen. Abfindungszahlungen sind möglich, wenn ein Arbeitsverhältnis aufgelöst werden soll, ohne dass es einen Kündigungsgrund gibt. Doch zu unterschiedlich sind die Ansichten darüber, wie hoch die Abfindung sein soll. Deren Höhe ist für den Verlag und die Mitarbeiter nicht unwichtig: Je mehr Aust bekommt, desto weniger kann vom Jahresgewinn an Gesellschafter und Mitarbeiter ausgeschüttet werden. Zwar wollen beide Seiten nach dem gestrigen Termin erneut das Gespräch suchen, doch sollte Aust auf seinem Standpunkt beharren und der Verlag dessen Forderungen nicht nachkommen, müssen beide Parteien für die Verhandlung 7. Mai schriftlich Stellung beziehen.

Aust ließ sich gestern vor dem Gericht von seinem Anwalt Matthias Prinz vertreten und leitete währenddessen die Redaktionskonferenz des Nachrichtenmagazins. Jüngste Gerüchte, dass Aust sich zusammen mit Ex-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert als Drittanbieter für einen RTL-Sendeplatz am Sonntagabend bewirbt und damit als Retourkutsche auf seine Kündigung die Sendung „Spiegel TV“ aus dem RTL-Programm drängen könnte, haben sich gestern als falsch erwiesen. In der Medienbranche war spekuliert worden, dass Aust als Partner in Wickerts Produktionsfirma UWP einsteigt, die sich derzeit um eine entsprechende Sendelizenz bemühe. Ulrich Wickert sagte dem Tagesspiegel: „Stefan Aust ist nicht mein Partner und wird auch nicht unter einer anderen Funktionsbezeichnung bei UWP einsteigen.“ Auch Aust dementierte eine deratige Kooperation: „Ich werde mich hüten, eine Konkurrenz zu Spiegel-TV zu planen, so lange ich noch beim Verlag angestellt bin. Ich will schließlich ordentlich aus der Sache raus“, sagte Aust. Er habe bereits mehrere Angebote für seine Zeit nach dem „Spiegel“ bekommen, aber sich mit keinem genauer beschäftigt. Für ihn stehe nur eines fest: „In den Ruhestand gehe ich nicht.“

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