Medien : Spiel mir das Lied vom Wahlbetrug

Sein Steuersong dudelt auf allen Kanälen. Doch wer ist Elmar Brandt? Er ist das Produkt eines schlauen Managers

Constanze von Bullion

Er wirkt manchmal wie ferngesteuert, dieser Elmar Brandt, so als hätte ihm jemand einen Chip eingepflanzt, der in gleichmäßigen Abständen ein synthetisches Lachgeräusch auslöst. „Toll, wie ich das wieder hingekriegt habe, nech“, sagt dann sein Mund und spuckt dieses „Ha-ha-ha-haa“ aus, das wirklich sehr nach Kanzlergelächter klingt. „Ha-ha-ha- haa“ johlt es plötzlich von den Wänden zurück, dann nochmal aus dem Nebenzimmer, „Ha-ha-ha-haa“, wie ein höhnisches Echo. Da guckt Elmar Brandt ein bisschen irritiert, so als wüsste er selbst manchmal nicht mehr, wer hier lacht, und wer ausgelacht wird.

Elmar Brandt, der Stimmenimitator aus Düsseldorf, der Gerhard Schröder täuschend echt nachmachen kann, der sich mit seinem „Steuersong“ an die Spitze der deutschen Charts gerappt und seiner Plattenfirma Millionen beschert hat, ist nicht zu beneiden.

Seit Wochen kann er kein Kaufhaus mehr betreten, ohne mit seinem eigenen Hit beschallt zu werden. „Ich erhöh’ euch die Steuern, gewählt ist gewählt“, bis März soll das so weitergehen, dann will Brandt beim Grand Prix auftreten. Manche befürchten schon, er könnte seinen Kanzler bis dahin aus dem Amt gedudelt haben. „Umso besser“, sagt er, „dann kann er mitmachen beim Grand Prix“. Er muss diesen Witz schon öfters gemacht haben, jedenfalls trägt er ihn so unbewegt vor, als sei er schon vor Zeiten auf der Festplatte gespeichert worden. Überhaupt ist dieser Elmar Brandt ganz anders als man erwarten könnte. Ein Vampir, ein fieser Aasgeier, der über der schwankenden Gestalt des Kanzlers kreist und „parasitär sein Geld“ verdient – so hat die erboste Kanzlergattin ihn beschrieben. „Das Lied ist doch nicht gemein, ich geb’ ihn nur wieder“, sagt Elmar Brandt und schaut so nachdenklich, als könne er womöglich wirklich für die Misere des Kanzlers verantwortlich sein.

Er ist ein recht ernsthafter Zeitgenosse, der oft lang überlegt, bevor er antwortet und an einem endlosen Winterabend geduldig in der Garderobe der Sat-1-Studios in Berlin auf seinen Auftritt wartet. „Der komische Jahres-Rückblick“ heißt die Sendung, die hier aufgezeichnet. Im Zimmer nebenan läuft schon der Trailer mit dem Kanzlergelächter, in Brandts Garderobe lacht Brandt und hört sich lachen. Doch, doch, versichert er, die ewige Wiederholung macht „unheimlich Spaß“, er wird auch bestimmt nicht verschlissen. „Verschlissen werden nur Leute, bei denen nichts dahinter ist.“ Was hinter dem freundlichen Vierkantgesicht von Elmar Brandt steckt, das ist gar nicht so leicht auszumachen. Dabei spricht er ganz offen über sich und seine Pläne, und darüber, dass er nie Schauspieler und nur „Material für einen Regisseur“ sein wollte.

Brandt will „immer der Elmar bleiben“, der in Düsseldorf aufwuchs und als jüngstes von fünf Kindern „direkt gut plappern“ gelernt hat. Schon sein Vater verdiente mit flotten Sprüchen Geld, „40 Jahre Werbung für die evangelische Kirche“. Der Sohn begann mit 15, „den Diggen“ nachzuäffen, Helmut Kohl, was für Lacher in der Klasse und erste Radioauftritte sorgte. „Entschuldchen Se mal, reten Se doch nicht so’n Unfug“, er kann den Altkanzler jederzeit anknipsen. Alles im akustischen Gedächtnis gespeichert, sagt der 31- Jährige, den sein Mundwerk schon beim Abitur rettet, ohne mündliche Nachprüfung wäre er durchgefallen. „Ich schreibe sehr langsam", sagt Elmar Brandt, der übrigens auch erstaunlich langsam spricht, im 21. Semester Germanistik studiert – „regieren geht über studieren".

Keine Frage, Brandt hat Talent, vor allem sich anderen anzupassen. Um zu klingen wie Schröder, hat er sechs Monate geübt, es ist nicht einfach, hinter der Stimme die Persönlichkeit zu finden. „Bei Schröder hieß es ja immer, er habe an Inhalten nicht viel zu bieten", sagt Brandt, der alle politischen Ambitionen leugnet. „Ich versuche einfach, die Person komplett zu inhalieren und zu sein wie sie", sagt er. Wie ein Kochrezept muss man sich die Komposition einer Stimme vorstellen, bei der Vokale, Konsonanten und Stimmlagen zusammengemixt werden. Elmar Brandt hört im Autoradio oft stundenlang Politikerreden, irgendwann wurde daraus die Gerd-Show, „die erfolgreichste Comedy-CD des Jahres“. Reich ist er damit nicht geworden. Auch sonst legt er Wert auf Bodenhaftung.

„Ruhig, bescheiden, neugierig“, sagt Brandt, wenn man ihn nach seinen Eigenschaften fragt. Er geht gern teuer essen, „einmal im Jahr“, trinkt viel Tee, um sich vor Erkältungen zu schützen, schnallt sich im Auto auch hinten an und wohnt mit seiner Frau in drei Zimmern unterm Dach. Morgens um acht schlurft er in ein Café, lässt sich von Zeitungen „inspirieren“ und geht dann zurück in die Wohnung, in der er zwischen Computern und Papierstapeln seine Ich-AG installiert hat. „Ich hab mir das alles selbst beigebracht“, sagt Brandt und meint das Zusammenschnippeln von Stimme und Musik. „Wenn ein neuer Text kommt, wird er erst mal schröderisiert, damit er eben klingt wie der Gerd, nech.“ Die Texte verfasst meist Peter Burtz, ein Hüne mit schwarz getöntem Haar, der früher mit einer Heavymetal-Band umher zog, dann mit BAP und Helge Schneider arbeitete und jetzt Brandts „kreativer Copilot“ ist.

Burtz will auch der Erfinder des „Steuersongs“ sein, gegen den kürzlich ein Journalist von Radio NRW klagte, weil der Text geklaut sein soll. Den Prozess hat er verloren, doch wer das Lied tatsächlich erfunden hat, bleibt ungewiss. Elmar Brandt will sich dazu „nicht äußern", und auch sein Coach bleibt eher vage: „Wir haben den Song zuerst geschrieben, nicht zuerst ausgestrahlt.“ Was Burtz an dem Hit verdient, verrät er natürlich nicht, die Summen seien „angemessen“, weitere Triumphe kaum aufzuhalten, „wir schlagen unsere Rekorde gerade selber“.

Er redet dann noch lange über Zahlen und Erfolge, der wortreiche Herr Burtz, der nicht nur die Schröder-Puppe, sondern auch die Figur Elmar Brandt mit Wort und Inhalt ausstattet. Da gab es zum Beispiel diesen „Focus“-Fragebogen, in dem Brandt wahnsinnig schlagfertige Antworten gab. Das ging dann so: Was können Sie gut kochen? „Käpt’n Iglo Seelachsfilet, vierkant.“ Wie können Sie sich am besten entspannen? „Von hinten.“ Ihre Lieblingsschauspielerin? „Dirk Bach.“ Der echte Elmar Brandt ist nicht ganz so komisch, und wer ihm die gleichen Fragen live stellt, bekommt andere Antworten: Was können Sie gut kochen? „Och, naja, Nudeln.“ Wie entspannen Sie sich? „Da setze ich mich gern hin und atme mal durch.“ Haben Sie eine Lieblingsschauspielerin? „Nö.“ So ist das eben im Showbiz, sagt Manager Burtz, der Brandts Fragebogen offenbar selbst ausgefüllt hat. Der Mann weiß, wie man Künstlern mit begrenztem Profil ein peppiges Image verschafft. Das war auch bei Guildo Horn nicht anders, dem Peter Burtz beim Grand Prix textlich etwas nachgeholfen hat. „Das ist wie ein Trichter, in den man oben was reinfüllt, damit unten was rauskommt.“ Und welche Rolle fällt Brandt in seinem Puppentheater zu? „Der Elmar kann reden wie Gerhard Schröder. Und er sieht jung und unbedarft aus.“

Es ist spät geworden in den Studios von Sat 1, als Elmar Brandt von einer netten Assistentin abgeholt und hinunter ins Studio gebracht wird. Da dirigieren sie ihn zum Moderator auf die Bühne, wo er sich von Kohl über Schröder bis zu Stoiber durchjodelt. „Danke, das reicht“, er darf jetzt gehen. Elmar Brandt sieht ein bisschen müde aus. Aber es hat natürlich Riesenspaß gemacht.

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