Spielfilm : Von Verlustangst getrieben

"Die Entführung": Wenn Eltern ihre entführten Kinder retten. Ein ARD-Kammerspiel mit Claudia Michelsen und Heiner Lauterbach.

Thilo Wydra

Und als sie sich umdreht und zum Auto sieht, da ist er weg. Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Ellen Lunt (Claudia Michelsen) ist doch nur ganz kurz in die Bank, um Geld am Automaten abzuheben, für die Klavierstunde von Tobias (Joel Eisenblätter). Tobias, dessen achten Geburtstag sie gemeinsam mit ihrem Mann Robert (Heiner Lauterbach) gerade vorbereitet. Nun ist er verschwunden. Beim Klavierlehrer ist er auch nicht, Ellen klingelt dort schnell und steht im dunklen hohen Treppenhaus. Am Wagen schließlich findet sie Tobias’ Asthmaspray. Da wird plötzlich von einem Moment auf den anderen aus intuitiver Ahnung Gewissheit. Und das ist der wunderbaren Claudia Michelsen mit jeder Regung im Gesicht abzulesen. Ganz allein steht Ellen Lunt auf der Straße. Die Kamera von Simon Schmejkal zieht hoch und geht in eine totale Aufsicht, in die Vogelperspektive, und zeigt diese Mutter. Der nicht zu fassende Verlust ihres gemeinsamen Sohnes reißt ein emotionales Loch im Leben des Ehepaares auf, das sie zu ertragen nicht in der Lage sind.

Dieses Nicht-aushalten-Können ist es denn auch, das sie antreibt. Doch er, Robert, möchte den Sohn mit Hilfe der Polizei finden. Falls er überhaupt noch lebt. Sie, Ellen, möchte die Polizei außen vor lassen. Ihn zu zweit suchen. Denn inzwischen kam der Anruf. 500 000 Euro Lösegeld werden gefordert.

Als sich Kommissar Hoffmann (Karl Kranzkowski) mitsamt Assistent im Haus der Lunts einrichtet, die Abhöranlage am Telefon installiert, mit der Anrufe zurückzuverfolgen sind, da dreht sich die Spirale immer mehr zu. Ellen will sich auf die Übergabe einlassen. Nachdem diese, unter Beobachtung der Polizei, gescheitert ist, versuchen sie eine zweite Übergabe, diesmal ohne das Wissen von Kommissar Hoffmann. Und nachdem Ellen das wasserdichte Päckchen mit dem Lösegeld in den Bach eines Schlossparks gelegt hat, und sie bereits beide wieder im Auto auf dem Parkplatz des Schlosses sitzen, da fällt ihnen ein Mann auf. Einer, den sie wiedererkennen, hat er doch vor Monaten bei ihnen zu Hause die Computeranlage installiert. Bodo (Martin Feifel) heißt er. In ihm sehen die Lunts den Entführer ihres Sohnes. Sie verfolgen ihn, um ihn zu stellen, und begeben sich damit selbst unweigerlich in Gefahr.

Verlustangst ist das leitmotivische Thema des von Harald Göckeritz geschriebenen und von Johannes Grieser inszenierten Psychodramas „Die Entführung“. Es ist ein Kammerspiel der Verlustangst. Darüber, was sie mit Menschen machen kann. Aber auch und vor allem, welchen Antrieb sie liefern kann, welche Kraft sie freisetzen kann, um etwas, um jemanden zu kämpfen. Um schließlich in Folge die Angst des Verlierens zu überwinden, was einer (hier doppelten) Befreiung gleichkommt. Aus dieser existenziellen Verlustangst heraus also handeln die verzweifelten Eltern, bis hin an die Grenzen zur Selbstjustiz, bis hin an den Rand des Legalen.

Dieser Wandel von den zunächst hilflos verzweifelten Eltern hin zu den aktiv agierenden, den stellen Claudia Michelsen und Heiner Lauterbach in Johannes Griesers sehr präziser, den Spannungsbogen durchgehend haltender Inszenierung nachvollziehbar und geradezu authentisch dar. Das gute Drehbuch legt in ihnen reale, niemals überhöhte Personen an.

Einzig jene Szene, in der die Lunts in Bodo den Entführer von Tobias zu erkennen meinen, vermag nicht wirklich zu überzeugen. Es wirkt ein wenig an den Haaren herbeigezogen, einer dramaturgischen Notlösung gleichkommend, dass ein auf einem Schlossgut Wein einkaufender Mann, der dem Paar einige Blicke zuwirft, sogleich als potenzieller Täter in Frage kommt. Eine Schwäche des Drehbuchs, vielleicht. Doch, das ist zu vernachlässigen angesichts der Intensität und Dichte dieses durchaus bewegenden Fernsehfilms. Wenn einem an einem Menschen etwas liegt, an einem geliebten zumal, den man zu verlieren droht, dann ist er den Kampf wert – und die Überwindung der Verlustangst auch. Vertrauen in sich und den anderen zu haben. Auch und gerade davon erzählt „Die Entführung“. Und überzeugt darin.

„Die Entführung“, ARD, 20 Uhr 15

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