''Sport Inside'' : Tortur statt Quote

Von Kinderdrill und Fußball-Nazis: Der WDR führt wieder ein hintergründiges Sportmagazin ein.

Thomas Gehringer
Sport Inside Foto: WDR
China: Kinder werden auf Erfolg gedrillt. -Foto: WDR

Fernsehen kann manchmal auch beim Zuschauen wehtun: Wenn der chinesische Trainer den kleinen Turn-Talenten den Rücken verbiegt, meint man, die Wirbelsäule knacken zu hören. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking hat ARD-Korrespondent Christoph Lütgert ein Elite-Internat für den chinesischen Turn-Nachwuchs besucht. In der Hoffnung auf Medaillen-Ruhm und ein Haus-Geschenk von der Partei überlassen Eltern ihre Kinder bereits im Kindergartenalter dem Drill der Sportlehrer. Im Internat warten neben dem Schulunterricht jeden Tag vier Stunden Training – eine Tortur, wie Lütgerts Bilder offenbaren. Mit seinem Beitrag über Kinderdrill in China eröffnet das WDR-Fernsehen heute die Premierensendung von „Sport Inside“ – ein wöchentliches, nicht moderiertes Magazin, das eine Fehlentwicklung der vergangenen Jahre korrigieren soll.

Nach der Absetzung von „Der Sport-Spiegel“ (ZDF/1996) und „Sport unter der Lupe“ (SWR/2000) gab es kein eigenständiges TV-Format mehr für sportjournalistische Hintergrund-Berichterstattung. Auch ARD und ZDF konzentrierten sich vornehmlich auf das Quoten-Rennen um attraktive Live-Rechte. Nun ist nach Ansicht des WDR, wo auch die Dopingredaktion der ARD angesiedelt ist, die Zeit reif für ein Umsteuern.

Die Befürchtung, das Publikum wolle journalistische Stücke jenseits jubelnder Sport-Helden eigentlich nicht sehen, teilt WDR-Sportchef Steffen Simon nicht. Es gehe nicht um „Nörgel-Journalismus“. In jeder ARD-„Sportschau“ am Sonntag gebe es neuerdings mindestens ein Hintergrund-Stück. „Die Sendung ist dadurch erfolgreicher geworden“, erklärt Simon. Dagegen habe die abgesetzte WDR-Sendung „Sport im Westen“, bei der das aktuelle Wochenendgeschehen zusammengefasst wurde, „am Publikum vorbeigesendet“. Allerdings bedurfte es auch eines Anstoßes von außen: Wegen der Auflage der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Bilder von den Sonntagsspielen der Bundesliga ab der Saison 2006/07 erst nach 23 Uhr ausstrahlen zu dürfen, wurde „Sport im Westen“ von Sonntag auf Montag verlegt – und wurde zum erfolglosesten Programm aller vergleichbaren Formate in den ARD-Dritten.

Zum Start von „Sport Inside“ mangelt es nun nicht an guten Vorsätzen: Für WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn sind nicht die Einschaltquoten entscheidend, sondern die Frage, „ob es uns gelingt, alle zwei Wochen ein Thema zu setzen“. Zur Premiere folgt auf die Bilder vom Kinderdrill in China ein braves Stück, in dem der 72-jährige Masseur Adolf Katzenmeier als gute Seele der Fußball-Nationalmannschaft gefeiert wird.

Am Ende darf es dann auch wieder etwas Schweres sein: Die Autoren Olaf Sundermeyer und Jo Goll (RBB) zeigen in ihrem gut recherchierten Beitrag an verschiedenen Beispielen vor allem aus Ostdeutschland, wie die NPD über den Fußball Akzeptanz in der Mitte der Gesellschaft finden will. Wenn Neonazis einen Klub gründen, ist eine Rückennummer besonders beliebt: die 18, zusammengesetzt aus dem ersten (A wie Adolf) und achten (H wie Hitler) Buchstaben des Alphabets.

„Sport Inside“, WDR, 22 Uhr 45

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben