Medien : Sport ist Wort

Athleten-Interviews bei Olympia: Keiner muss, jeder soll und alle machen es

Juliane Schröter,Joachim Huber

Der journalistische Fachterminus heißt „Witwenschütteln“. Dies bedeutet, dass nach dem Tod eines Mitmenschen ein Reporter aus den Hinterbliebenen möglichst substanzielle Aussagen über den Verstorbenen herausholen möchte. Das Verfahren, das höchste Sensibilität verlangt, wird auch im Sport angewandt – bei Fußballspielen und bei Olympia. Am Dienstagabend war bei Franziska van Almsick das „Sportlerschütteln“ angesagt. Die Schwimmerin aus Berlin war über 200 Meter Freistil erklärtermaßen auf Goldkurs, um dann als Fünfte anzuschlagen. Van Almsick stieg aus dem Becken, ging gleich zu den Kameras und Mikrofonen der ARD. 9,19 Millionen Zuschauer hatten den Wettbewerb verfolgt, 9,19 Millionen wollten von van Almsick und ihren Eltern wissen, woran es gelegen habe. Während die Sportlerin für die Dimension der Niederlage noch gefasst, professionell und cool antwortete, gingen bei Vater und Mutter die Emotionen hoch. Der Vater sprach von einer „Presse-Hatz“, die endlich, endlich vorbei sei, die Mutter bekannte unter Tränen, dass sie stolz auf ihre Tochter sei.

Für manchen Zuschauer war das ein intimer Moment, bei dem die Fernsehkamera und der Reporter Dominik Fischer nichts zu suchen hatten, aber die Quote der 9,19 Millionen wollte nicht bröckeln. Emotionen fesseln, das Ringen nach Worten, die verzweifelte Suche nach schlüssigen Erklärungen.

Werner Rabe vom Olympia-Team der ARD sagte dem Tagesspiegel, die Eltern van Almsick hätten sich vorher mit dem Interview einverstanden erklärt und damit, dass der Reporter während des Finales neben ihnen sitze. Ob Dominik Fischer überhaupt unter den Zuschauern sitzen durfte, wollte oder konnte Rabe nicht sagen. „Wir hatten für ihn einfach eine Eintrittskarte gekauft und haben das Gespräch dann mit unserer eigenen Stadionkamera eingefangen.“ Rabe schloss nicht aus, dass auch bei weiteren Wettkämpfen so oder so ähnlich verfahren werde.

Der ARD-Mitarbeiter unterstrich, dass die gesamte Familie van Almsick ihre Interviews aus freien Stücken gegeben habe: „Es gab und gibt keinen Vertrag mit den van Almsicks.“ Was es gibt, ist – zum wiederholten Male bei Olympia – eine Vereinbarung zwischen ARD und ZDF auf der einen und dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) auf der anderen Seite, dotiert mit einer fünftstelligen Summe, zum Zwecke des „guten Miteinanders zwischen Anstalten, NOK und Sportlern“. Daraus resultiere für niemanden eine Verpflichtung, es gebe nur Absprachen, Verabredungen zum Interview, zum Gespräch. Die ARD-Mitarbeiter hätten am Dienstagabend Franziska van Almsick ins Olympia-Studio und in „Beckmanns Olympia Nacht“ eingeladen, aber die Schwimmerin wollte nicht kommen.

Kritik an den ständigen Trailern, die über den Sendetag den 200-Meter-Wettkampf zum absoluten Höhepunkt hochjubelten, nennt Rabe „ungerechtfertigt“. „Aus der ARD-Zuschauerredaktion wissen wir, dass das Publikum vor dem Schirm ständig wechselt und die Zuschauer deswegen und wegen der nie auf die Minute fixierten Anfangszeit eines Wettbewerbes den genauen Sendrtermin wissen wollen.“

„Keiner von uns hätte Franziska van Almsick gezwungen, nach dem Finale sofort ein Interview zu geben“, sagte der Generalsekretär des Deutschen SchwimmVerbands Jürgen Fornoff. Die Athleten seien zu solchen Kurzinterviews unmittelbar nach den Wettkämpfen aufgefordert. „Man macht das halt, das ist normaler Usus, aber es ist keine absolute Pflicht für die Schwimmer.“ Pflichten gebe es nur für die Medaillengewinner: Für sie sei die Teilnahme an der Pressekonferenz nach dem Wettkampf verbindlich. Unabhängig von den Interviews direkt im Anschluss an die sportliche Entscheidung berate der Deutsche Schwimm-Verband die Sportler beim Umgang mit der Presse. Wer wann zu welchem Pressetermin geht – das werde in Absprache mit den Trainern und den Athleten selbst diskutiert. Einen Rat für das Verhalten bei einer Niederlage hat Jürgen Fornoff: „Grundsätzlich finde ich, dass man sich nicht verkriechen kann“, sagte er, „aber ob Franziskas Ergebnis eine Niederlage ist? Wir reden hier immerhin von einem fünften Platz bei den Olympischen Spielen.“

„Es gibt keine allgemeinen Regeln, aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die deutschen Olympia-Teilnehmer nach ihren Wettkämpfen der Presse stellen“, so der Sprecher der deutschen Olympia-Mannschaft Peter Schmitt. „Im Falle der Schwimmer: Sie verlassen das Becken und gehen in den Bereich der Fernsehjournalisten, danach kommen Radioreporter und danach die Journalisten der Printmedien.“

Was aber passiert, wenn ein Sportler sich dazu nicht in der Lage sieht? „Mir ist bei diesen Olympischen Spielen noch kein Fall bekannt, bei dem sich ein Sportler nicht der Presse stellen wollte.“ Genau wie der Deutsche Schwimm-Verband berät auch das NOK die deutschen Mannschaftsmitglieder im Umgang mit den Medien. „Der Sportler steht für uns im Mittelpunkt“, sagte Peter Schmitt. Die optimale Wettkampfvorbereitung sei wichtiger als Pressetermine. Und beim Sport ließe sich ohnehin nichts in regelhafte Abläufe pressen, weder der Wettkampf noch sein Ablauf noch Ausgang und schon gar nicht die Reaktionen der Sportler. Allerdings: „Wenn ein Athlet sich tatsächlich nach dem Wettkampf der Presse verweigerte, würde man danach sicher mit ihm sprechen“: Ein solches Verhalten sei „nicht so gut“. Die Sportler haben sich offenbar daran gewöhnt, dass auf ihre sportliche Leistung sofort das Mediengespräch folgt: „Meines Wissens gibt es keine Mitglieder der deutschen Mannschaft, die sich mehr Zeit vor den ersten Interviews wünschen. Für die jungen Sportler mag der Umgang mit den Medien neu sein, aber die finden sich ein“, so Peter Schmitt. „Es ist eben so: Die Medien gehören zum Geschäft.“

Und für nicht wenige Sportler, insbesondere für die Stars in den populären Sportarten, gehört ein regelmäßiges Medientraining mit dazu. Wobei die Zuschauer, wie Werner Rabe sagte, „bei Olympia den Teilnehmern in den Randsportarten gerne zuhören und zusehen. Die gelten als spontaner und ehrlicher.“ Wie sagte die ausgebootete Radsportlerin Petra Rosner so schön: „Ich habe eine Nicht-Medaille gewonnen.“

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