Medien : "Sportgate": Sport, Sport, nur du allein

Markus Ehrenberg

Was lange währt, wird gut, lautet ein Sprichwort. Demnach müsste "Sportgate" das Beste sein, was in Sachen Sport im Internet je zu finden war. Fast acht Monate hat es gedauert, bis aus einer spektakulären Pressekonferenz mit Boris Becker am Brandenburger Tor eine funktionierende Website wurde. Am Dienstag soll "sportgate.com" nun endlich online gehen.

Ein gewagtes Unterfangen, ein kritischer Zeitpunkt. Rundherum machen Internet-Firmen Pleite. Online-Werbemärkte brechen weg. Und der Neue Markt an der Börse - ein Trauerspiel. Wurde vor einem Jahr noch jeder Pizza-Bring-Dienst mit Venture-Kapital zur Internet-Firma gemacht, folgt jetzt die große "Wachstumsdelle".

Das sieht Sportgate-Vorstand Marcel Reichart natürlich anders: "Siebzig Prozent aller Deutschen sind sportlich interessiert, damit potentielle Sportgate-User. Und da erst dreißig Prozent aller Deutschen einen Internet-Zugang haben, können wir mit unserem Angebot und unseren Erwartungen nicht ganz falsch liegen. Das hat Potential." Zudem gebe es mit der dpa, dem Sportinformationsdienst und sports.com erst drei reine Online-Anbieter für des Deutschen liebstes Kind.

Sport sells - das mag schon sein, aber wer liest ständig Fußball-Tabellen im Internet? Und die wichtigen Sportnachrichten des Tages laufen sowieso bei arrivierten Info-Websites wie "Spiegel Online" oder der "Netzeitung". Wozu da noch bei "Sportgate" klicken? "Weil wir das erste, große Online-Sportnetzwerk sind", sagt Reichart. Mit dem Deutschen Sportbund und dessen Präsidenten Manfred von Richthofen als Gesellschafter hat Sportgate 86 000 Sportvereine und 27 Millionen Mitglieder im Rücken, die meisten ohne eigene Website. Wer wie Boris Becker "drin" sein will, soll sich den vollen Service bei "Sportgate" holen: Sponsorenakquise, Rechnerbeschaffung, Website-Gestaltung, Vernetzung. Darüberhinaus gibt es unter "sportgate.com" das, was es woanders im Netz auch gibt, nur gebündelter: Zahlen, Tabellen, vor allem aus den Regionen und aus vierzig ausgewählten Sportarten. Darunter Kufensport, Frauenfußball, Schach, Rugby oder Tauchen. Damit sich die Präsentation vom Agentur-Einerlei abhebt, stehen vierzig so genannte "Online-Guides" mit Kommentaren für jeweils eine Sportart Pate - so soll die Weltklasse-Fechterin Sabine Bau News über den Fechtsport kommentieren. Fragt sich bloß, ob der gemeine Sport-User damit etwas anfangen kann.

Da scheint die Plattform für Sportvereine und deren Mitglieder vielversprechender zu sein. Das Sonntagnachmittags-Spiel vom SV Nürtingen findet in den Medien meist einen bis zwei Tage später statt, in der Lokalzeitung. Im Internet geht das schneller. Die "Sportgate"-Macher träumen von Übertragungen via Webcam und Internet auf den PC, später gar auf das Handy. Ein Webcam-Scout dreht die Tore vom SV Nürtingen oder Klipper Hamburg, D-Jugend - zu sehen exklusiv bei "sportgate.com".

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. "Drei Jahre", schätzt Marcel Reichart, "dann haben wir die Zugangstechnologie für solche Sport-Übertragungen." Bis dahin muss sich Sportgate finanziell über Wasser halten. Denn der Online-Werbemarkt ist so gut wie tot. Das Portal setzt auf integriertes Sponsoring: "Die regionale Sparkasse Baden-Württemberg präsentiert Ihnen den Chat mit Boris Becker". Reicht das für schwarze Zahlen? Die lange Anlaufzeit von August 2000 bis zum Launch am Dienstag hat Geld gekostet (laut Reichart im "niedrigen, einstelligen Millionenbereich"). Und Nerven. Mal war Ex-RTL-Chef-Helmut Thoma mit im Boot, mal nicht mehr ganz, dann wieder doch. Jetzt ist Thoma Vorstandschef von "Sportgate", mit dem operativen Geschäft hat das Aushängeschild nichts mehr zu tun.

Ein schlechtes Zeichen zum "Sportgate"-Launch? Abwarten. Da ist ja noch der Hauptgesellschafter. Und Boris Becker ist seit der Unterbrechung der AOL-Spots um Internet-Kompetenz bemüht. Eine große Werbe-Pressekonferenz mit Becker am Brandenburger Tor werde es aber nicht noch einmal geben, sagt Reichart, aber Becker mache "demnächst etwas Größeres fürs Sportgate-Marketing". Es muss ja nicht wieder acht Monate auf sich warten lassen.

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