Medien : Sportradio: Kicken im Kopf

Helmut Böttiger

Da das Spiel der Bayern in Manchester am letzten Dienstag nicht im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen war, schlug die Stunde der großen Kunst. Denn wer live dabei sein wollte, musste Radio hören, und Günther Koch, der letzte Trumpf, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch ausspielen kann, wusste dies in jeder Sekunde. Was da an minutenlangen Stakkati, berauscht von der Kulisse in Old Trafford, die Lautsprechermembranen durchdrang, war das Äußerste, was der jeweilige Augenblick hergab - bis hin zu einer wahrhaft prophetischen Coda, als Koch 17 Sekunden vor dem entscheidenden Tor auch diesem, seinem letzten Gefühl Ausdruck verlieh: dass jetzt ein Tor für Bayern fallen könnte.

Am Samstag darauf kehrt allerdings wieder der Alltag ein. Dann ist die übliche Bundesliga-Konferenz angesagt, bei der der herausragende Mikrophonartist Günther Koch lange Zeit sehr kurz gehalten wurde, weil die festangestellten Platzhirsche in den jeweiligen Regionalsendern der ARD ihre Kuhhändel immer unter sich ausmachten. Auch an diesem Wochenende vermisste man wieder einmal schmerzlich jene raren Momente, wenn in das Stadion umgeschaltet wird, in dem Günther Koch seine Kopfhörer übergestülpt hat und binnen Hundertstelsekunden ein Drive durch den Äther geht, der in völlig neue Dimensionen vorstößt.

In München, bei der dramaturgisch durchaus dankbaren Niederlage von 1860 gegen die eigentlich schon abgestiegenen Bochumer, saß Hans-Peter Pull. Ebenjener, zu dem Koch am Dienstag in Manchester ab und zu, wenn das Spiel abflaute, sagte: "Hans-Peter, diesen Angriff übernimmst jetzt du!" Pull zeigte ausbaufähige Ansätze, aber seine Metaphernbildung, die bei Koch zu immer ungeahnteren Überraschungen führt, war letztlich doch zu bemüht: weil 60-Trainer Werner Lorant weg will, fühlte sich Pull an den Zarah-Leander-Film "Zu neuen Ufern" erinnert und verfranste sich ermattet in diesem Assoziationsfeld.

Ein schwer zu bespielender Reporterplatz scheint Bremen zu sein. Wir erinnern uns schaudernd an die nachrichtentechnischen Dienstleistungen aus dem Weserstadion, als Bremen immer um die Meisterschaft mitspielte, die jeweiligen Berichterstatter dabei aber fast einzuschlafen schienen. Bei Wilhelm Johannson, der augenblicklichen Werder-Stimme, ist allerdings ein bemerkenswertes Bemühen festzustellen, Gefühlsaufwallungen zu produzieren. Sie teilen sich aber meist nur mittelbar mit: er schreit plötzlich wie entfesselt Wörter wie "Deisler" und betont relativ beliebige Satzbruchstücke manchmal mit erstaunlichem Aufwand, ohne klar auszudrücken, was eigentlich los ist. Da klaffen Form und Inhalt doch sehr auseinander, und deutlich wird dies, wenn er "Freudengesänge in Bremen" vermeldet wie einen Verkehrsstau oder den Wetterbericht.

Die Konferenzreportage hat es auch deshalb sehr schwer, weil sie meistens nur fünf Spiele umfasst und große Gelegenheiten ungenutzt verstreichen müssen. So fand das zu großer Nervenkunst prädestinierte Spiel Dortmund - Bayern erst am Samstagabend statt, und der Westdeutsche Rundfunk, der durchaus ernstzunehmende Stimmen zur Verfügung hat, war in der Nachmittagskonferenz nur mit Sabine Töpperwien aus Köln vertreten. Und das ist natürlich ein Problem. Weil bei zu großer Aufregung die Stimme wohl bräche, weicht sie recht schnell in einen wegwerfenden Gestus aus und betont mit kennerischem Timbre Binsenweisheiten. Das ist nicht das, was wir wollen. Was für ein Dramolett hätten Meister des Fachs allein aufgrund des Umstands entfacht, dass der Kölner Geißbock Hennes wegen der Maul- und Klauenseuche zur Zeit nicht am Spielfeldrand stehen darf?

Viel zu viel Gelegenheiten, ja, so ist es, verstreichen ungenutzt. Leider mussten wieder allzu viele Fünfmarkstücke in das "Phrasenschwein" gesteckt werden, stellte Hans-Peter Pull fest und musste deswegen gleich wieder zahlen. "Aber Hans-Reinhard, ich wollte Sie nicht unterbrechen!" Dirk Schmitt in Frankfurt und Hans-Reinhard Scheu in Freiburg ergänzten das Feld. "Aber so ist es eben im Fußball", wie Dirk Schmitt richtig sagte. Da bleibt nur die Hoffnung auf den nächsten Spieltag. Denn diesmal war alles "ohne Druck, ohne irgendeinen Zwang, aufzutrumpfen" (Hans-Reinhard Scheu).

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