Medien : Sprachbarrieren

Aust lässt nicht mit sich über den „Spiegel“ reden

Ulrike Simon

Zwischen den Gesellschaftern des Spiegel-Verlags und der Chefredaktion des Nachrichtenmagazins ist – wieder einmal – Streit entbrannt. Auslöser ist die geplante Gesellschafterversammlung am 16. November. Einer der Punkte auf der Tagesordnung lautet: „Politische Berichterstattung im ,Spiegel’“. Diese Formulierung, verbunden mit dem Wunsch der Gesellschafter, mit Chefredakteur Stefan Aust zu sprechen, hat zu Briefwechseln und öffentlichen Statements geführt. Der intern umstrittene Berliner Büroleiter Gabor Steingart spricht gar von Gefahr für die innere Pressefreiheit. Und alle beteuern, es gehe nur um eines: die Sorge um den „Spiegel“.

Aust, der als Geschäftsführer von „Spiegel TV“ an den Gesellschafterversammlungen regelmäßig teilnimmt, erweckt den Eindruck, als ginge es bei dem Termin am 16. November um eine Gerichtssache. Er verweist darauf, dass Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel abgelehnt habe „den Chefredakteur zu laden“. Laut „Spiegel“-Satzung werde die Redaktion „allein von dem Herausgeber und den Chefredakteuren geleitet. Sie ist von Beschlüssen und Weisungen der Gesellschafterversammlung (…) vollständig unabhängig“.

Die „Bereitschaft des Chefredakteurs“, sich „vorladen“ zu lassen, um über redaktionelle Inhalte oder die politische Ausrichtung des Magazins „zu debattieren“, wäre ein Verstoß. „Dazu bin ich nicht bereit.“

Thomas Darnstädt, Geschäftsführer und Sprecher der Spiegel Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent am Verlag hält, zeigt sich „irritiert“. Die Einladung zum Gespräch als „Vorladung“ zu bezeichnen, sei „ein grobes Missverständnis“.

Gibt Aust den Sachverhalt sinnentstellend wieder, um sich einem Gespräch über Ausrichtung, Handwerk und Qualität des „Spiegel“ zu entziehen? Darnstädt sagt, es gehe um „den Dialog zwischen dem Herausgeber und den Gesellschaftern.“ Dass es keinen Herausgeber gebe, mit dem dieser Dialog zu führen sei, „kann man als Mangel empfinden“.

Unter dem Stichwort Herausgeber steht im Impressum des „Spiegel“ der Name des Gründers Rudolf Augstein. Die Gesellschafter verweisen darauf, dass Seikel und Aust 2002, nach Augsteins Tod, kommissarische Herausgeber wurden. Mit wem, wenn nicht mit ihnen, sollten sie reden? Anders als Darnstädt bestätigt Jakob Augstein, Sprecher der mit 24 Prozent am Verlag beteiligten Erbengemeinschaft, dass es Gesprächsbedarf um die inhaltliche Ausrichtung des Magazins gibt. Er fügt hinzu: „Es schadet dem ,Spiegel’ nicht, inhaltliche Diskussionen zu führen.“

Es sind mehrere Vorfälle aus der jüngsten Vergangenheit, die bei den Gesellschaftern, aber auch in der Redaktion Unmut auslösten. Da gibt es den Vorwurf mangelnder Pluralität: alle Ressorts wirkten „gleichgebürstet“, manche sagen „neokonservativ“. Da gab es die Debatte um die unüberprüft übernommenen und fehlerhaften Steuertabellen von Paul Kirchhof: ein handwerklicher Fehler, von dem viele glauben, er sei die Folge davon, dass ein Regierungswechsel herbeigeschrieben werden sollte. Dementis folgten auf die Meldung, eine ganze Reihe Prominenter wolle im Wahlkampf angeblich eine Initiative zugunsten von Kanzler Gerhard Schröder starten. Und es gab den Streit um die aufeinander folgenden Titelbilder gegen Schröder. Aust bestreitet, dass die Bitte des Widersachers Hans-Joachim Noack, vom Posten als Ressortleiter Deutsche Politik entbunden zu werden, damit etwas zu tun hatte.

Aus den Reihen der Gesellschafter ist zu hören: es gehe nicht um einzelne Artikel oder Redakteure, auch nicht um Weisungen an Aust, sondern um das Recht auf ein Gespräch über die inhaltliche Ausrichtung, die wirtschaftliche Auswirkungen nach sich ziehen könnte. Sollte dies nicht möglich sein, müsse über eine neue Herausgeber-Regelung gesprochen werden. Etwa, dass die Mitarbeiter KG die Funktionen eines Herausgebers übernimmt. Auf diese Weise würde kein Einzelner die zu großen Schuhe anziehen, die Rudolf Augstein hinterließ, und doch gäbe es eine Instanz über dem derzeit vogelfreien Aust. Einer, der ungenannt bleiben will, sagt: „Pressefreiheit bedeutet nicht, dass der Chefredakteur mit dem Blatt machen kann, was er will.“

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