Medien : Sprechpause

Der Nachrichtensender n-tv streicht den „Grünen Salon“ und den „Talk in Berlin“

Joachim Huber,Ulrike Simon

Von Joachim Huber

und Ulrike Simon

Der Berliner Nachrichtensender n-tv setzt verschiedene Talkshows in seinem Programm ab. Betroffen sind konkret „Der Grüne Salon“, der „Talk in Berlin“ und sehr wahrscheinlich auch „Maischberger“. Grund: Der finanziell notleidende Privatsender muss noch stärker sparen, um das Defizit für 2003, rund 28 Millionen Euro, zu verringern. Mit diesem Beschluss, getroffen vom Mehrheitseigner RTL und ausgeführt vom Berliner Statthalter, n-tv-Geschäftsführer Johannes Züll, verliert der Sender attraktive Formate. So schnellte die Zuschauerquote am Montag, als der Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement im „Grünen Salon“ bei Andrea Fischer und Claus Strunz zu Gast war, von 60 000 Zuschauern (Marktanteil: 0,2 Prozent) auf 200 000 Zuschauer (0,6 Prozent) hoch. Nichts anderes passiert, wenn Klaus Bresser am Sonntag zum „Talk in Berlin“ bittet. Letzter Termin für den „Grünen Salon“: 17. November, Schlusspunkt für den „Talk in Berlin“: 30. November, voraussichtliches Finale für „Maischberger“: Juni 2004.

n-tv war schon klamm, als der Marktführer des deutschen Fernsehens, die RTL Group in Köln, die Mehrheit erwarb. Aber die Hoffnung, dass RTL das Blatt bei n-tv wenden kann, diese Hoffnung trog bisher. Es hat am Standort in der Berliner Taubenstraße bereits harte Einschnitte gegeben: Personalabbau, Kürzungen bei Gehältern, Druck auf die Zulieferer bei Programm und Technik. Und die Schrauben werden nach Aussage verschiedener Mitarbeiter weiter angezogen: Die Online-Redaktion wird aufgelöst (20 Stellen weniger), Christine Kolmar, die stellvertretende Chefredakteurin, ist entlassen, der Umzug des Senders in die Kölner RTL-Zentrale unter Beibehaltung einer kleinen Nachrichten-Crew im Berliner RTL-Studio steht bevor, im Programm findet der Austausch von kostenträchtigen Sendungen gegen durchgesponserte Magazine statt – siehe die tägliche Abendstrecke zwischen Wellness, Autos und Steuertipps.

Jetzt, mit dem Ende der Talkformate, wird n-tv weiter entkernt; was vom eigentlichen Nachrichtensender bleibt, ist das Gerüst der News zur halben und zur vollen Stunde. Vieles sieht danach aus, als sollte der erste private Nachrichtensender in Deutschland zu einer „Newsstation light“, sprich zu einem „RTL 4“ werden. n-tv-Chef Johannes Züll verneint dies vehement. Mehr Informationen seien im Programm, der Sender auf dem richtigen Weg, und für die beiden auslaufenden Talkshows gelte: „Gute Formate, die früher besser eingeschaltet wurden.“ Auch „Maischberger“ hatte schon deutlich bessere Quoten, aber das sagt Johannes Züll nicht. Kein Trost wird es für n-tv sein, dass der privaten Konkurrenz von N24 das Wasser ebenso bis zum Hals steht. Das private Nachrichtenfernsehen in Deutschland bangt mehr denn je um seine Zukunft.

Walid Nakschbandi, Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft AVE, die für n-tv den „Grünen Salon“ und den „Talk in Berlin“ herstellt, sagt: „Mir tut es für den Sender leid.“ Die Entscheidung sei mit der schwierigen Finanzsituation des Senders begründet worden. Seinen Angaben nach ist die AVE n-tv bei den Kosten beträchtlich entgegen gekommen: „Im Vergleich zu 2003 haben wir den ,Talk in Berlin’ um 39 Prozent, den ,Grünen Salon’ um 36 Prozent günstiger produziert.“

Das Unternehmen besitzt für den „Talk in Berlin“ wie für den „Grünen Salon“ das Copyright. Für das Umtopfen des politischen Talkformats in ein anderes Programm ist der Markt sehr, sehr eng. Anders beim „Grünen Salon“, der möglicherweise in einem öffentlich-rechtlichen Programm in dieser Region wiedereröffnet wird.

Auch n-tv denkt weiter. So könnte der RTL-Angestellte Heiner Bremer, der jeden Montag erfolgreich das „Duell“ moderiert, die „Maischberger“-Sendung Mitte 2004 übernehmen, ein politischer Talk als preisgünstige Studiosendung gefahren werden. Hält sich Klaus Bresser, der Moderator des „Talks in Berlin“, weiter zur Verfügung? „Ich bin keiner, der antichambriert“, betont er. Er wolle ernsthaften, seriösen Journalismus. Die getroffenen Programm-Entscheidungen findet der frühere ZDF-Chefredakeur nicht nachvollziehbar: „Ich kann mir darauf keinen Reim machen. Wofür will n-tv als Nachrichtensender eigentlich stehen?“

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