Medien : Springer-Verlag: Bei Anruf Kündigung

Ulrike Simon

Es ist gerade mal ein paar Wochen her: Peter Boenisch, 74, ließ seine neun Monate alte Tochter Nica-Luna taufen. Taufpatin war Friede Springer; Boenisch war ein Vertrauter ihres verstorbenen Mannes Axel Springer. Der Verleger hatte "Pepe" Boenisch einst sogar ein Haus auf Sylt geschenkt. Nur wenige Tage vor der Taufe hatte Boenisch seinen Rücktritt vom Springer-Aufsichtsratsmandat so erklärt: "Meine publizistische Tätigkeit hat für mich Priorität. Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit sind hierfür zwingend. Die einem Aufsichtsrat auferlegte besondere Zurückhaltung im Hinblick auf öffentliche Äußerungen behindert mich." Seit Freitagvormittag ist er nun ganz und gar unabhängig und entscheidungsfrei. Der Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlages, August A. Fischer, hat Boenischs Autoren- und Beratungsvertrag gekündigt. Telefonisch.

Diesen Vertrag, mit einer Laufzeit von fünf Jahren, hatte Boenisch im April dieses Jahres bekommen, also nach Aufgabe des Aufsichtsratsmandats. Er umfasste laut Springer die "publizistische Beratung des Vorstandsvorsitzenden sowie exklusive Autorentätigkeit". Zentraler Bestandteil sei darin, "dass Veröffentlichungen in anderen Printmedien nur mit ausdrücklicher vorheriger Zustimmung erfolgen dürfen". Und genau dagegen, so Fischers Position, habe Boenisch verstoßen. In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" vom 29. Mai nämlich, als Peter Boenisch auf die Bitte der "SZ" hin die Reduzierung von Bordexemplaren der "SZ" durch die Lufthansa nach kritischen Berichten in der Zeitung kommentierte. Der "elder statesman" unter den Journalisten schrieb, er sehe darin einen Verstoß gegen die Pressefreiheit und einen Missbrauch der wirtschaftlichen Macht der Lufthansa ("Die Lufthansa hatte einen Kranich. Zurzeit hat sie einen Vogel"). Doch "nicht der Inhalt des Beitrages ist Grund der Kündigung, sondern der dadurch vollzogene Vertragsbruch", erklärt dazu Fischer. Und, wäre Fischer ganz korrekt, müsste er hinzufügen, dass es eigentlich überhaupt nicht um den "SZ"-Beitrag geht, den Boenisch ohne Fischers Erlaubnis schrieb. Das verbirgt sich erst hinter Fischers Zusatz: "Ich muss einem Berater hundertprozentig vertrauen können". In Wirklichkeit statuiert Springer mit Boenisch ein Exempel, nach dem Motto: Wer plaudert, fliegt.

Seit Ende der 50er Jahre war Boenisch mit Ausnahme einiger Monate bei Burda und seiner Tätigkeit als Regierungssprecher Mitarbeiter des Axel Springer Verlages. Nur wenige kennen das Haus so gut wie er. Was ihm nun vorgehalten wird - selbstverständlich hinter vorgehaltener Hand - sind drei Wörter, die alle mit einem "I" beginnen: Indiskretionen, Intrigen, Illoyalität.

Boenisch will sich wehren

Generationen von Vorstandsvorsitzenden hätten sich die Zähne an diesem Mann ausgebissen, heißt es, als "Märtyrerlegende" habe er sich in Szene gesetzt, als "Held der Pressefreiheit" aufgespielt. Das sind die Sätze, die Boenisch jetzt hinterher geworfen werden. Um den vor anderthalb Wochen erschienenen "SZ"-Beitrag geht es überhaupt nicht. Er ist nur der Anlass, um das schwierige Beweisverfahren bei jenen Vorwürfen, um die es wirklich geht, nicht aufnehmen zu müssen. Deshalb wird es Boenisch Springer nicht einfach machen. Dem Tagesspiegel sagte er am Freitag: "Ich empfinde die Kündigung als ungerechtfertigt und werde mich mit allen rechtlichen Mitteln widersetzen." Ansonsten schweigt Boenisch und verweist auf seinen juristischen Beistand, den Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz, Sohn von Günter Prinz, der wie Boenisch auch einmal Chefredakteur der "Bild"-Zeitung war. Matthias Prinz sagte dazu am Freitag lediglich: "Die Kündigung ist unwirksam."

Wodurch war Boenisch in der jüngsten Vergangenheit unliebsam aufgefallen - mal abgesehen von seinem "Bild"-Kommentar, in dem er Verständnis für die Vergangenheit des heutigen Außenministers Joschka Fischer aufbrachte und Kritik an der aus seiner Sicht nicht minder militanten Haltung des Springer-Verlags zu Zeiten der Studentenrevolten übte? Boenisch war derjenige, der den ehemaligen "Bild"-Chef und späteren Zeitungsvorstand Claus Larass an der Spitze des Verlages sehen wollte und nicht Mathias Döpfner. Auf der Grundlage baute der "Spiegel" im Herbst 1999 Larass zum künftigen Vorstandschef auf und wurde dafür im "Handelsblatt" von Aufsichtsratschef Bernhard Servatius abgewatscht. Döpfner wird im Januar 2002 Vorstandschef. Boenisch, jener Kritiker der "Bengel-Bande", der neuen Führungsspitze des Springer-Verlages, wäre dann also Döpfners publizistischer Berater geworden.

"Die Chefredakteure bleiben selbstverständlich weiterhin völlig frei in ihrer Entscheidung, Peter Boenisch als Autor einzusetzen." Damit endet die Springer-Mitteilung vom Freitag. Mal sehen, wer sich das trauen wird - und ob Boenisch noch Lust dazu hat.

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