Medien : Stammeskämpfe

Im „Tatort“ streiten sich heute Bayern mit Franken und Serben mit Kosovo-Albanern

Thilo Wydra

Lange ist es her, dass Kriminaloberinspektor Veigl alias Gustl Bayrhammer mitsamt Dackel in und um München gegen das Verbrechen anging, in stoischer Gemütsruhe. Am 9. Januar 1972 löste Bayrhammer, assistiert von Helmut Fischer und Willy Harlander, seinen ersten BR-„Tatort“, „Münchner Kindl“. Seither ist viel klares Wasser die Isar hinuntergeflossen, hat Bayrhammer nach 15 Fällen den Stab weitergereicht, zunächst an Helmut „Monaco Franze“ Fischer, der als Kriminalhauptkommissar Lenz in Veigls große breite Fußstapfen trat, und dann, nach sieben Lenz-Fällen, kamen und gingen sie; die Ermittler, ganz so als handle es sich um einmalige München-Gastspiele: Günther Maria Halmer, Hans Brenner oder Horst Bollmann. Schließlich, am 1. Januar 1991, trat jenes Erfolgs-Trio mit „Animals“ an, das auch heute noch für Ruhe, Zucht und Ordnung in der Isarmetropole sorgt. , „Der Prügelknabe“ (ARD, Ostermontag, 20 Uhr 15) ist bereits der 34. Fall von Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl und Michael Fitz.

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Nemec) steht eine schöne Zeit bevor, denkt er, denn er hat 14 Tage Urlaub, und es haben sich Verwandte aus dem Kosovo angekündigt: seine Kusine Branka (Zeljka Preksavec) samt Ehemann Darko (Peter Davor) und Tochter Malina (Yasmin Asadie). Doch dann geschieht zweierlei: Batics Urlaubsvertretung tritt einen Tag zu früh an. Es ist der Kollege Hackl (Thomas Schmauser) aus Nürnberg, ein nervig-schnöder Besserwisser mit frängischem g, sauberem Scheitel und gebügeltem Ganzkörperanzug. Und natürlich geschieht vor dem Urlaubsantritt ein Mord. Ein Kosovo-Albaner wird gefunden, er ist an einen Baum an der Isar gefesselt, zuvor wurde er offensichtlich gefoltert. Batic fühlt sich berufen, trotz Urlaubs mit zu ermitteln und seine Kollegen Leitmayr (Wachtveitl) und Menzinger (Fitz) in so manche Bredouille zu bringen – zumal der Kollege aus Nürnberg, seltsamerweise ein Balkan-Spezialist, daran interessiert ist, „dem Herrn Kollegen Baditsch“ (sic) etwas anzuhängen und ihn mundtot zu machen. Batic zieht zu allem Überfluss auch seine Verwandten mit in den Fall hinein, und plötzlich liegt er mit einem blutbeschmierten Messer neben einer weiteren Leiche.

Der bayerische Jubiläums-„Tatort“, von Christian Limmer geschrieben, inszeniert von Thomas Jauch, wird jeden erschauern lassen, der es mit den Franken und dem Fränkischen nicht so hat. Denn wie Schauspieler Thomas Schmauser seinen adretten Biedermann Hackl spielt, macht beinahe schon latent aggressiv. Ein pedantischer Perfektionist sondersgleichen. Kein Wunder, dass Ivo Batic diesem Grünschnabel mehrmals an die Gurgel will, und Kollege Carlo Menzinger von seiner ausgeprägten „Frankenphobie“ geplagt wird. Ob er überhaupt ein Visum für München habe, fragt er den Gescheitelten einmal. Doch neben all diesen Regionalpatriotismen und fränkisch-bayerischen Spitzen, ist der zweite Handlungsstrang freilich der wichtigere, weil politische. Doch gerade der wirkt nicht wirklich ausgearbeitet, alles bleibt etwas nebulös, über die Kosovo-Problematik wird nicht wirklich etwas Neues erzählt. Hier die Serben, dort die Kosovo-Albaner, wie gehabt. Grund, zum 60. zu jubilieren haben die Münchner allemal, zählen die BR-„Tatorte“ doch mit zu den erfolgreichsten der Reihe.

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