Standbein. Spielbein : Benny war gestern, Barista ist heute

Der Schauspieler Christian Kahrmann betreibt „Kahrmann’s Own“. Mit dem Café will er Drehpausen überbrücken – und vielleicht mal Geld verdienen.

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In Berlin fällt Schnee, skeptisch schaut Christian Kahrmann aus dem Fenster seines Cafés. Die Leute laufen eingehüllt und hurtig die Straßen entlang. Es ist halb zehn, in dreißig Minuten öffnet Christian Kahrmann, und er weiß nicht, ob die weißen Flocken gut oder schlecht sind für sein neues Geschäft. Er betrachtet den Schnee, als sähe er ihn zum ersten Mal.

Christian Kahrmann ist Schauspieler. Er hat in der Kultkomödie „Bang Boom Bang“ mitgespielt, in der Fernsehserie „Und Tschüss“, im TV-Event „Das Wunder von Lengede“ und im „Untergang der Pamir“. Die meisten aber kennen ihn durch seine Rolle des Benny aus der „Lindenstraße“. Acht Jahre lang spielte er den Sohn von Mutter Beimer, 1993, als er 21 war, stieg er aus der Serie aus. Das ist fast 20 Jahre her, aber der Benny klebt immer noch an ihm wie ein hart gewordener Kaugummi. Am 1. September dieses Jahres erfüllte sich Christian Kahrmann einen Traum und eröffnete seine eigene Cafébar. „Benny Beimer ist jetzt Barista“, titelten daraufhin die Boulevardblätter. Auch wenn die Rolle für den Schauspieler längst zur Vergangenheit gehört, kann sie jetzt für seine Zukunft nützlich sein.

Das „Kahrmann’s Own“ liegt an der Bötzowstraße im Prenzlauer Berg, dort, wo man eigentlich niemanden mehr mit Coffeeshops überraschen kann. Das Bötzowviertel gilt als die Toskana von Ost-Berlin. Im nahe gelegenen Volkspark Friedrichshain schieben im Sommer die Mütter ihre Kinderwagen durch das gepflegte Grün, das Olivenöl ist bio und der Wein am Abend interessant. Der Laden, den Kahrmann übernommen hat, war früher ein Uhrengeschäft. Jetzt stehen hier vier Tische, eine Bank mit bunten Kissen, ein Regal aus alten Weinkisten, das mit Adventsgestecken und Kerzen geschmückt ist. In der Auslage finden sich Muffins, Pastéis de Nata und New York Cheese Cake, am Tresen brummt die italienische Espressomaschine. Dahinter steht Christian Kahrmann, die Ellbogen in die Seite gestützt, ein großer Kerl mit Silberschmuck am Finger und um das Handgelenk.

Die neue Bühne muss noch erobert werden. Täglich probt der frische Caféhausbetreiber den Auftritt in einem Szenenbild, das er selber entworfen hat. Mit einem schwingenden Gang durchs Lokal, der beiläufigen Geste, mit der er sich durchs Haar streicht, einem freundlichen „Hallo“, wenn ein Gast hereinkommt, und der Frage „Wie hat es Ihnen geschmeckt?“ zum Abschied. „Ich hatte das Bedürfnis, neben der Schauspielerei etwas zu haben, das ich selber gestalten und mit dem ich mich selber verwirklichen kann“, erklärt er, „etwas, in dem ich unabhängig davon bin, ob ich eine bestimmte Rolle bekomme, ob mein Gesicht passt oder ob das Honorar der Rolle und den Drehtagen entsprechend ist. Man weiß ja, dass es in den letzten Jahren schwieriger in der Branche geworden ist, man dreht weniger und bekommt gleichzeitig auch weniger Geld.“

Der erste Gast kommt schon um kurz vor zehn, noch bevor das Café öffnet. Aus den Lautsprechern der Musikanlage tönt gerade das Lied „Ich warte schon sehr lange auf den einen Moment, ich bin auf der Suche nach 100 Prozent“. Carol Howe ist 38 Jahre alt, Flugbegleiterin bei Easy-Jet und mindestens jede Woche einmal hier. Sie bestellt sich einen Cappuccino. Dass der Betreiber ein Schauspieler ist, interessiert sie nicht. Bisher hat sie in ihrem Leben nur eine Folge der „Lindenstraße“ gesehen. Ihr schmeckt der Kaffee, sie mag das rustikale Ambiente und Christian Kahrmann als Gastgeber. Neulich hat sie mit einer Freundin vier Stunden hier verbracht.

Die Idee zu einem eigenen Café kam dem Schauspieler vor sechs Jahren auf einer Italienreise. Ihn hatten die kleinen Espressobars begeistert, in denen oft nur eine Maschine stand und die trotzdem voller Leute waren. Ihm gefiel die Kultur des „Über-den-Kaffee-hinweg-Kommunizierens“. Er selbst trinkt gern Kaffee. Ein Jahr lang hat er in einem Coffeeshop in Berlin-Mitte als „Praktikant“ gearbeitet. Er wollte erfahren, wie der Milchschaum bei einem Latte Macchiato aussehen muss und wie der bei einem portugiesischen Galao. Er hat gelernt, unter Druck zu funktionieren. „Es ist ein Unterschied, ob man das hobbymäßig macht oder es wirklich ernsthaft als Gastronom betreibt“, sagt er. Anfangs hatte er einen Fantasienamen für sein Café ausgesucht, aber Freunde haben ihn gefragt: Warum machst du das Ding nicht zu deinem eigenen? So ist „Kahrmann’s Own“ entstanden, eine Anlehnung an das amerikanische „Newman’s Own“. 1982 hatte der Schauspieler Paul Newman eine Lebensmittelkette unter diesem Namen gegründet.

Zum Mittag stürmen vier Freunde von Christian Kahrmann mit ihren Kindern in das Café. Plötzlich ist der kleine Raum gefüllt mit Trubel und der Chef im Stress. Kahrmann ist allein im Laden, er teilt sich die Schichten mit zwei Angestellten. Er hat sieben Lieferanten für Getränke, Kuchen, Suppen, und sogar eine eigene Kaffeeröstung. Er arbeitet sechs Tage in der Woche, nur am Sonntag hat er frei. „Ich hatte keine Lust mehr darauf, nach einem tollen Projekt nur zu Hause darauf zu warten, dass das Telefon klingelt und das nächste Angebot kommt“, erklärt er seinen Elan.

Es gab einen Moment, da hatte Christian Kahrmann als Schauspieler ein halbes Jahr lang nichts zu tun. Für jemanden, für den die Schauspielerei eine Leidenschaft ist, kann das eine lange Zeit bedeuten. Zugleich aber kommt man in so einem Leerlauf auf neue Gedanken. „Das Café war ein genereller Plan, mein Leben zu ändern“, sagt er. „Es wird noch eine Weile dauern, ehe ich hier mein Gehalt rausziehe. Insofern ist es für mich kein Ersatz für die Schauspielerei, sondern eher ein zweites Standbein.“ Gerade steht er für die ARD-Krimiserie „Heiter bis tödlich“ vor der Kamera. In deren 13 neuen Folgen „Zwischen den Zeilen“ spielt er den Autohändler Fred, einen ortsansässigen Kauz, der Oldtimer instand setzt und Pferdewetten abschließt. Während er dreht, wird er im Café von seinen Kollegen vertreten.

Um 14 Uhr ist seine Schicht zu Ende. Er hat fünf Suppen verkauft, drei Sandwiches, ein Müsli, vier White Sharks, einen „Winterzauber“-Tee,elf Latte macchiatos, vier Cappuccinos und drei Galaos. „Langweilig war es nicht, als der Laden voll war, ging hier richtig die Post ab“, resümiert er und versteckt dabei ein Gähnen. Weihnachten fährt er mit seiner Frau und den zwei Töchtern in die Schweiz. Während seines Winterurlaubs bleibt der Laden geschlossen. Aber ab dem neuen Jahr, wenn seine Kunden von ihren obligatorischen Besuchen bei den Eltern wieder zurückgekehrt sind, wird er Pastel de Nata backen und Doppio Espresso servieren. Auf dem Internet-Bewertungsportal Qype wurde seine Bar 32 Mal mit fünf Sternen bewertet – die volle Punktzahl. Christian Kahrmann freut sich über diese Resonanz. Im Moment, sagt er, ist sie ihm wichtiger als jede Anerkennung für eine Filmrolle.

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