Medien : Standpunktfrage: zwei Dokus über das Mahnmal

Christina Tilmann

Sage keiner, es habe nicht genug Pressetermine gegeben während der Bauphase des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden Europas, das am kommenden Dienstag eingeweiht wird. Genug Material also auch, um daraus gleich mehrere Dokumentationen zu schneiden. Das Problem nur: das Material ist relativ einheitlich – und gut bekannt. Themen wie die Gestaltung des Orts der Erinnerung, die Beteiligung der Firma Degussa am Mahnmalbau, der Witz über Eisenmans jüdischen Zahnarzt oder die Diskussion über die Bezeichnung Sinti und Roma haben die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt. Kein Wunder, dass ihnen auch in den Fernsehdokumentationen, die anlässlich der Mahnmal-Eröffnung ausgestrahlt werden, breiter Raum eingeräumt wird.

So wirken die beiden Filme, mit denen ARD und ZDF heute Abend zum Vergleichssehen laden, auf den ersten Blick ziemlich austauschbar. Der Weg ist vorgegeben, chronologisch zumindest: von der Grundsteinlegung über das Richtfest, die Setzung der letzten Stele bis zur Eröffnung. Da wählt der eine den Zeitraffer-Blick, lässt das Mahnmal im Schnellverfahren wachsen, während der andere die Entstehung im Verlauf der Jahreszeiten dokumentiert. Die Bilder – Stelenfeld von oben, Stelenfeld von unten, in Sonne, Schnee und Regen – gleichen sich dennoch, bis hin zum Cello-Kitsch.

Chronologie also ist wohl das falsche Unterscheidungsmerkmal. Versuchen wir es mit der Blickrichtung. Susanne Gelhard und Stephan Radke haben für das ZDF den Blick von außen gewählt, haben Anwohner, Besucher, Schulklassen befragt. Zaungäste also, die sich auf das vor ihrer Nase wachsende Werk ihren eigenen Reim machen. Und sich, wie die Bewohner der Plattenbauten an der Wilhelmstraße, der historischen Bedeutung ihrer Adresse wohl bewusst sind. Oder, wie die Schüler des Jüdischen Oberschule Berlin-Mitte, ratlos und etwas enttäuscht im Stelenwald stehen.

Interessanter die Innenperspektive, die Frank Hertweck für seine Langzeitdokumentation wählt. Das SWR-Team hatte das Glück, Zugang zu den Kuratoriumssitzungen zu haben, und zeigt so manchen Streit aus der Innensicht. Eisenmans Zahnarzt-Witz zum Beispiel hat man live noch nicht gehört, und die Reaktion des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin, Alexander Brenner, darauf. Auch die endlosen Diskussionen um den Ort der Erinnerung oder die gewundene Begründung der Entscheidung, die Degussa-Beteiligung beizubehalten, werden mit Hintergrund-Material belegt: eine Freude für Politik-Voyeure.

Von außen nach innen: das ist die Blickrichtung, sieht man beide Filme hintereinander. Am Ende weiß man zwar wenig mehr als vorher. Doch genug, um ab nächster Woche den eigenen Standpunkt zu finden.

„Steinernes Meer inmitten der Stadt“, ZDF, 22 Uhr 15, „ Holocaust-Denkmal, Berlin“, ARD, 23 Uhr 30

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