Star für Oslo : Wer ist Lena?

Authentisch, aber nicht bedrohlich – so tritt sie auf. Mit drei Singles ist sie in den Top fünf der Charts. Nicht mal die Beatles haben das geschafft. Endgültig zum Star werden will sie in Oslo.

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Oh, Oh, Oh ... Lena startet beim Eurovision Song Contest am kommenden Sonnabend für Deutschland.
Oh, Oh, Oh ... Lena startet beim Eurovision Song Contest am kommenden Sonnabend für Deutschland.Foto: DAVIDS

WOHER KOMMT SIE?

Aus Hannover – also aus dem popkulturellen Niemandsland. Die größten Stars der niedersächsischen Landeshauptstadt sind seit Jahrzehnten die Scorpions, die sich derzeit auf ihrer Abschiedstournee befinden. Lena – seit einigen Wochen verzichtet sie auf ihren sperrigen Nachnamen Meyer-Landrut – kommt also gerade zur richtigen Zeit, um die in Rente gehenden Hardrock-Veteranen als Botschafterin Hannovers abzulösen.

Die Abiturientin, die am heutigen Sonntag ihren 19. Geburtstag feiert, ist derzeit Deutschlands bekanntester Popstar – doch trotz medialer Omnipräsenz sind erstaunlich wenige Details über das Privatleben der Sängerin bekannt. Klar ist, dass sie als Einzelkind bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwuchs. Vater Ladislas – Sohn des in Estland geborenen Ex-Diplomaten Andreas Meyer-Landrut – verließ die Familie, als Lena zwei Jahre alt war. Er hat sie seither nicht gesehen. Jetzt auf sie zuzugehen, „würde komisch aussehen“, sagt der 48-Jährige, der aber hofft, dass sie sich irgendwann einmal bei ihm meldet.

Seit ihrem zwölften Lebensjahr möchte Lena Schauspielerin werden. Und sie hat durchaus zielstrebig auf diesen Traum hingearbeitet. So spielte sie schon in der Sat-1-Krimiserie „K 11“ und in der Gerichtsshow „Richter Alexander Hold“ mit. Es waren kleine Rollen genau wie in der letzten August ausgestrahlten RTL-Doku-Soap „Helfen Sie mir!“, in der sie eine kurze Nacktbadeszene hatte. Das wurde von der Boulevardpresse zum Skandal aufgebauscht, doch Lena konterte cool: „Ich hab’s gemacht, ich find’s o.k., ich hab keinen Porno gedreht“ – und die Sache war vergessen.

WARUM IST SIE IN DEUTSCHLAND SO ERFOLGREICH?

Lena Meyer-Landruts erste Auftritte in der Casting- Show „Unser Star für Oslo“ waren von einer erfrischenden Unbekümmertheit, die viele Zuschauer verzauberte. Diese Anfangseuphorie trug sie lange, zumal sie mit ihrer frechen und schlagfertigen Art deutlich mehr Charisma entfaltete als ihre Final- Konkurrentin Jennifer Braun – obwohl die die bessere Sängerin ist.

Die Abiturientin hebt sich zudem deutlich von den derzeitigen Bohlen-„Superstars“ ab, die vor allem mit Knast- und Drogengeschichten Schlagzeilen machten. Mit Lena hingegen kann sich auch die Mittelschicht identifizieren: Sie kommt aus behütetem Haus, spricht in artikuliertem, grammatikalisch weitgehend korrektem Hochdeutsch, sieht nett aus, trägt schlichte, ordentliche Kleidung und ein kleines Holzkreuz um den Hals. So eine können sich auch Besserverdienende als Schwiegertochter beim Sonntagskaffee vorstellen. Dass sie gelegentlich Jugendjargon benutzt und ein Lilien- Tattoo auf dem Arm trägt, ist genau das bisschen Unangepasstheit, das sie spannend und authentisch, aber nicht bedrohlich wirken lässt.

Nach den „Unser Star für Oslo“-Shows brach eine beispiellose Lenamania in Funk und Fernsehen los, die sich auch in den deutschen Charts spiegelte. Die Singles „Satellite“, „Bee“ und „Love me“ schossen auf Anhieb in die Top fünf der Hitparade – ein Rekord. Das war zuvor nicht mal den Beatles oder Michael Jackson gelungen. Über eine halbe Million Mal verkauften sich die drei Lieder bisher.

Auch Lenas erstes Album „My Cassette Player“ ging innerhalb einer Woche 100 000 Mal über die Ladentische und führt die Charts an. Ihr Publikum ist offenbar willig (und finanzstark genug) Geld für die Musik auszugeben, anstatt sie illegal im Netz herunterzuladen.

Ein Grund für den Erfolg ist natürlich auch die Musik selbst: Die Mischung aus Neo-Soul, ein bisschen Funk und Balladen ist absolut konsensfähig. Der Hit „Satellite“ lehnt sich ganz offensichtlich an Kate Nash an, „Bee“ erinnert ein wenig an Emiliana Torrini und Feist – das sind gute Vorbilder, die den Pop- Sound der vergangenen Jahre entscheidend mitgeprägt haben. „My Cassette Player“ ist solides Handwerk und muss sich im internationalen Vergleich nicht verstecken. Dabei macht Lena ihre stimmlichen Defizite durch ihren markanten Pseudo-Londoner Gossenakzent wieder wett, den sie sich angeblich im Englisch-Unterricht angeeignet hat. In England war sie nämlich noch nie.

WIE STEHEN IHRE CHANCEN BEIM EUROVISION SONG CONTEST?

Gut. Die britischen Wettbüros handelten Lenas Titel „Satellite“ zuletzt als Favorit. Die Deutsche lieferte sich mit der aserbaidschanischen Kandidatin Safura ein Kopf-an- Kopf-Rennen um den ersten Platz, wobei die Gewinnerin der aserbaidschanischen „Pop Idol“-Show bei den Buchmachern zuletzt knapp vorn lag. Die 17-Jährige tritt mit dem englischsprachigen Song „Drip Drop“ an, den die Songwriter Anders Bagge, Stefan Örn und Sandra Bjurman geschrieben haben. Zu den Kundinnen dieser Melodie-Schmiede gehören unter anderem Madonna und Britney Spears. Der Song ist eine dramatische Eifersuchtsballade, die einerseits sehr geschickt die Kitscherwartungen des Song- Contest-Publikums bedient und andererseits auch moderne R ’n’ B-Elemente einfließen lässt.

Von den Wettbüros ebenfalls hoch gehandelt wird der israelische Kandidat Harel Skaat mit dem Song „Milim“. Nicht unterschätzen sollte man aber auch Kroatien, das Feminnem mit „Lako Je Sve“ ins Rennen schickt. Die drei Sängerinnen haben starke Stimmen und ihre Ballade ist eine klassische Grand-Prix-Schnulze.

Im vergangenen Jahr lagen die Buchmacher mit ihrem Favoriten Alexander Rybak richtig. Der fiedelnde Norweger ist übrigens Lena-Fan: „Sie ist die Coolste in diesem Jahr“, sagt er. Ihr Song habe das „gewisse Etwas“. Die anderen Teilnehmer fand er dagegen enttäuschend.

Ein weiteres Erfolgsindiz ist der Raab- Faktor: Immer wenn er seine Finger im Spiel hatte, schaffte es Deutschland beim Eurovision Song Contest unter die ersten zehn: Das von ihm geschriebene und von Guildo Horn gesungene „Guildo hat euch lieb“ belegte 1998 den siebten Platz, Raab selber wurde mit „Wadde hadde dudde da?“ im Jahr 2000 Fünfter und sein Schützling Max mit „Can’t wait until tonight“ 2004 Achter. Seither schafften es deutsche Beiträge nicht mehr über den 15. Rang hinaus. Gut in Erinnerung ist noch das Debakel der No Angels, die sich vor zwei Jahren mit dem letzten Platz blamierten. So schlimm wird es dieses Mal wohl nicht werden, wenn Lena mit der Startnummer 22 (von 25) ins Rennen geht. Sie selber sagt: „Platz 28 wäre nicht so geil. Alles ab zehn ist okay.“

WIE VIEL STEFAN RAAB STECKT IN IHR?

Sehr viel. Der TV-Tausendsassa war der Spiritus rector der Show „Unser Star für Oslo“, in der der deutsche Beitrag für den Eurovision Song Contest ausgewählt wurde. Nach dem katastrophalen Abschneiden in den Vorjahren bezeichnete Raab die Kandidatensuche halb ironisch als „nationale Aufgabe“. 4500 Menschen bewarben sich, 20 kamen in die Endausscheidung.

Lena Meyer-Landrut hätte nie bei anderen Casting-Shows mitgemacht – es war der Name Raab, der zog. Und ihm vertraut sie auch nach dem Sieg beim deutschen Eurovision-Vorentscheid. So komponierte ihr Mentor acht von 13 Stücken ihres Albums, an den Texten arbeitete Lena mit. Multiinstrumentalist Stefan Raab ist ein schlauer Songwriter, der ein Händchen für eingängige Melodien und ein Ohr für die aktuellen Trends hat. Lenas Eurovision-Song „Satellite“ stammt allerdings nicht von Stefan Raab, sondern von Julie Frost und John Gordon. Das Stück setzte sich beim Zuschauer-Voting von „Unser Star für Oslo“ gegen Raabs Titel „Love me“ durch.

Lenas Karriere wird von Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool gesteuert, die ihr die Managerin Claudia Gliedt zugeteilt hat. Sie begleitet die Sängerin überall hin, berät sie und schottet sie ab. Mit der „Bild“-Zeitung redet Lena ohnehin nicht – genau wie Stefan Raab, der das schon lange so hält.

WIE GEHT ES FÜR SIE NACH DEM EUROVISION SONG CONTEST WEITER?

Sollte sie gewinnen und damit die erste deutsche Song-Contest-Gewinnerin seit Nicole (1982) werden, wird das Lenafieber noch um einige Grade steigen. Der TV-Auftrittsmarathon von „Wetten dass …?“ bis „Frag die Maus“, den sie vor Oslo hinlegte, wird in eine zweite Runde gehen. Zwischendurch wird sie ihr Abitur- Zeugnis entgegennehmen und vielleicht sogar Zeit finden, mit ihren Schulfreunden ein bisschen zu feiern.

Aber auch wenn Lena ohne Titel zurückkommt, wird der Hype um sie anhalten. Sie steht bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag, wird weiter Musik veröffentlichen und Konzerte geben. Ihren Traum von der Schauspielerei hat sie nicht zu den Akten gelegt: „Der Plan, in Berlin Schauspiel zu studieren, steht noch“, verriet sie kürzlich dem „Zeit-Magazin“. Am liebsten würde sie irgendwann einmal in einem Film von Tim Burton („Alice in Wonderland“) mitspielen.

GEBOREN

Lena Meyer-Landrut kam am 23. Mai 1991 in Hannover zur Welt, wo sie immer noch lebt.

AUSBILDUNG

In diesem Schuljahr legte Lena an der Integrierten Gesamtschule Roderbruch ihr Abitur (Leistungskurse:

Biologie, Sport) ab.

Mit fünf Jahren begann Lena zu tanzen. Sie nahm zunächst Ballett-, später auch Jazz- und Showtanzunterricht. Ihre erste Bühnenrolle bekam sie in der

achten Klasse in der Theater- AG: eine Oma mit Katze.

FAMILIE

Sie wuchs als Einzelkind bei ihrer Mutter auf. Vater Ladislas

verließ die Familie, als Lena zwei Jahre alt war und hat sie seither nicht gesehen. Ihr Großvater, Andreas Meyer-Landrut, war in den Achtzigern bundesdeutscher Botschafter in Moskau. Von 1989 bis 1994 leitete er

das Bundespräsidialamt unter Richard von Weizsäcker.

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