Starker "Tatort" aus Frankfurt : Die Geschichte vom bösen Friederich

Ein Mann hat nur ein Ziel: Er will Rache nehmen an der Kommissarin. Ein „Tatort“ nach dem Vorbild des „Struwwelpeter“.

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Die Polizei, sein Feind und Gegenspieler. Der verurteilte Mörder Alexander Nolte (Nicholas Ofzcarek) hat ein Ziel – und das Ziel heißt Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich). Sie hatte ihn ins Gefängnis gebracht.
Die Polizei, sein Feind und Gegenspieler. Der verurteilte Mörder Alexander Nolte (Nicholas Ofzcarek) hat ein Ziel – und das Ziel...Foto: HR/Bettina Müller

Das ist harter Stoff, ganz harter Stoff. Ein „Tatort“, der einem in den Körper kriecht, ins Hirn schleicht, sich auf die Haut legt, alle Sinne erfasst, bis er einen ganz und gar in der Hand hat. „Die Geschichte vom bösen Friederich“, die fängt böse an, um böser und böser zu werden. Da ist der Zweikampf zwischen dem entlassenen Mörder Alexander Nolte (Nicholas Ofczarek) und der Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) auf dem Höhepunkt. Damals, als Polizeipsychologin, hatte sie das Gutachten erstellt, das Nolte ins Gefängnis gebracht hatte. Nach 20 Jahren Haft gilt er als resozialisiert, jetzt arbeitet er im Dentallabor und hat eine Affäre mit seiner Psychologin Helene Kaufmann (Ursina Lardi).

Nolte ersticht einen Obdachlosen, was nach der sinnlosen Tat eines Psychopathen ausschaut, tatsächlich hat er einen Plan. Er will Kontakt zu Janneke, er bekommt ihn, er dringt in ihr Leben ein. Er sagt: „Du hast dich in meine Seele geschlichen – und dann hast du dich verdrückt.“ Alexander Nolte hat sich aufgemacht auf den Weg der Rache. Der Zuschauer weiß das, er begleitet Nolte zu seinen Taten, in seine Wohnung, in das Irrenhaus seiner selbst. Janneke weiß es erst nicht, ihr Kollege Paul Brix (Wolfram Koch) weiß es nicht, Janneke ahnt und spürt es, als sie sich Noltes wieder sicherer wird. Brix geht dann in dieselbe Kurve, aus dem Zwei- wird ein Dreikampf.

Eine zeitgenössische Struwwelpetriade

Da ist der „Tatort“ des Hessischen Rundfunks schon in sein Finale eingetreten, schnell kommt das Ende. Es ist von Belang, aber es macht den Wert, den Reichtum dieses Fernsehfilms nicht aus. „Die Geschichte vom bösen Friederich“, das ist eine zeitgenössische TV-Struwwelpetriade. Dieser Wüterich ist Minimum ein Beispiel für die Störung des Sozialverhaltens. Dissozial, aggressiv, alles und jeder wird als Kränkung, als Enttäuschung eigener Erwartungen und Rechte verstanden.

Aber, und das ist die eminente Leistung von Drehbuchautor Volker Einrauch, seine Geschichte vom bösen Alexander ist keine personale Beschreibung eines psychiatrischen Krankheitsbildes. Es ist die Kriminalgeschichte eines Menschen, der seine Umwelt grau sieht und bei Kommissarin Anna Janneke rot. Sie hat ihn ins Gefängnis gebracht, eine unsagbare Verkennung und Verachtung seiner Intelligenz und seiner Gaben, dafür muss sie büßen. Wenn auf diesem Weg unschuldige Menschen und die Psychologin, die Alexander Nolte als geheilt ansieht, ihn liebt und betreut, draufgehen, dann, ja dann muss es so sein. Opfer will Gerechtigkeit, Gerechtigkeit will Opfer, so funktioniert die Nolte’sche Weltsicht.

Ein Mann geht seine Einbahnstraße runter

Der „Tatort“ geht den Weg dieses Mannes auf seiner Einbahnstraße von der ersten Sekunde an mit. Sein erstes Opfer, ein Obdachloser, stellt die Kommissare vor ein Rätsel. Nolte hat da die Fäden schon in der Hand, Janneke agiert da quasi wie seine Marionette. Ihr Kollege Brix bleibt außen vor, er zweifelt noch an dem, was Janneke erzählt und vorhält – „Wissen Sie was, Brix, Sie sind ’ne Enttäuschung“ – und ins Kommissariat schreit: Nolte war ein Mörder, er ist ein Mörder, er wird wieder morden. Das Tempo beschleunigt sich, die Taten beschleunigen sich – und dann suchen vier Menschen eine Entscheidung: die beiden Kommissare, die Psychologin und der böse Friederich.

Der Krimi ist voller Präzision, weil das Buch von Volker Einrauch so überaus präzise ist. Der böse Alexander bekommt einen gültigen Hintergrund. Kindheit, Gefängnis, Disposition, es geht hier nicht um die wasserdichte Biografie eines Psychopathen, es geht um die kleinen Chancen und die großen Risiken des Menschseins.

Da ist volle Schärfe im Spiel. Nicholas Ofczarek agiert als Alexander Nolte. Nichts Verhuschtes, das Große und das Ganze von Struwwelpeter, der den Stein hinunterrollt und möglichst viele überrollen will. Eine gewalttätige Körperlichkeit strahlt er aus, eine Masse Wut, die sich sogleich an einem vollkommen unschuldigen Passanten entladen kann.

Nicholas Ofczarek ist der böse Friederich

Nicholas Ofczarek ist das Zentrum und die zentrale Entdeckung in der „Geschichte vom bösen Friederich“. Margarita Broich hält mit, muss sie auch. Ihre Anna Janneke legt auch im dritten Fall das Verhuschte nicht ab, doch mehr und mehr zeigt sich, dass im Strickliesl-Schein das Sein einer toughen Fahnderin steckt. Wolfram Koch ist erst Begleiter, dann Akteur. Sein Kommissar Brix tut das Notwendige, also das Beste: Er fügt sich ein.

Die Inszenierung der Hermine Huntgeburth leistet volle Konzentration. So ein Duell, so ein Quartett will sehr ordentlich geführt sein, damit die Tonalität stimmt. Hier stimmt sie. Raumdynamik und Bilddramaturgie und Personenakzentuierung formen sich zum Spannungsbogen, der von der ersten bis in die Schlussminute dauert. Klingt vermessen, ist aber so: „Die Geschichte vom bösen Friederich“ kitzelt die Nerven.

Alexander Nolte, eine Zeitbombe im Zahntechniker-Mantel. Ein Mann sieht grau und rot. So sind wir nicht, sagt sich der Zuschauer, so wollen wir nicht sein. Oder sind wir doch, ein wenig?

„Tatort: Die Geschichte vom bösen Friederich“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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