Medien : Stasi-Probleme beim MDR: Ein Sender mit Geschichte

Ralf Hübner

Es konnte kein schöner Abend für ihn werden. Dessen war sich MDR-Intendant Udo Reiter wohl von vornherein bewusst. "Der MDR, die Stasi und die Medien", bei diesem Thema einer Podiumsdiskussion in der Leipziger "Runden Ecke" Mitte der Woche konnte der Abend für ihn angesichts immer neuer Enthüllungen über den Sender und dessen Mitarbeiter einfach nicht angenehm werden. Missmutig gestimmt ließ er die Vorwürfe über sich ergehen.

Für die Entrüstung hatten jüngste Veröffentlichungen gesorgt, durch die bekannt wurde, dass einige bekannte Gesichter auf dem Bildschirm oder Stimmen im Rundfunk mit einer Stasi-Vergangenheit belastet sind. Da sollen die Frontfrau des MDR-Magazins "Fakt", Sabine Hingst, unter dem Decknamen "Christine" für das MfS gearbeitet und der der Nachrichtenchef von MDR-info, Ingolf Rackwitz, als IM "Wolfgang Texdorf" Berichte geliefert haben. Und in der Kulturredaktion saß mit Michael Hametner der ehemalige IM "Detlev Lauer" hinter dem Mikrofon, wie "Die Welt" jüngst berichtete. Die Liste ist lang und wird offensichtlich immer länger. Nach Berichten des "Focus" war MDR-Unterhaltungschef Udo Foht in seinem früheren Leben IMS "Karsten Weiß", der sächsische Hörfunk-Chef von MDR1, Alexander Jereczinsky, soll als "Karl Friedrich" für das MfS gearbeitet haben.

In einer ersten Maßnahme holte der MDR die Beschuldigten von Bildschirm und Mikrofon. Nun sollen alle festen und freien Mitarbeiter des MDR einer erneuten Überprüfung unterzogen werden. Intendant Udo Reiter hatte bereits zu Wochenbeginn in einer Kolumne in der FAZ einen Befreiungsschlag versucht. Dort versuchte er begreiflich zu machen, dass die Vorwürfe, die da "mit großer Enthüllungsgeste erhoben werden", dem MDR seit Jahren bekannt seien. Beim MDR seien 1206 Personen durch eine Anfrage bei der Gauck-Behörde überprüft worden, von denen in 76 Fällen positiv beschieden wurde. Von den 76 Fällen erledigten sich 14 durch freiwilliges Ausscheiden von selbst, zehn seien offenkundig belanglos gewesen. Mit den verbleibenden Fällen habe sich der Personalausschuss des Rundfunkrates, einem Gremium aus "überprüften integren Ostdeutschen", beschäftigt, Abmahnungen, Versetzungen und zwei Kündigungen seien die Folge gewesen. In 44 Fällen habe der Personalausschuss die Empfehlung abgegeben, von arbeitsrechtlichen Konsequenzen abzusehen. Er, Reiter, habe sich in allen Fällen an die Empfehlungen des Rundfunkrates gehalten.

Die Diskutanten auf dem Podium in der Leipziger "Runden Ecke" mochten Reiter die beteuerten unschuldigen Hände dennoch nicht glauben. Der Berliner Publizist Konrad Weiß, der noch immer alte MfS-Seilschaften in den ostdeutschen Sendeanstalten mutmaßt, wirft Reiter vor allem politisches Versagen vor. Der Chefredakteur des Leipziger Stadtmagazins "Kreuzer", Björn Achenbach, findet es "auffällig", wie viele ehemalige MfS-Mitarbeiter beim MDR in leitende Positionen gelangen konnten. Immer wieder wurden die Überprüfungskriterien der 90-iger Jahre kritisiert: Damals ging es um die strafrechtliche Relevanz der jeweiligen Vergehen, darum, ob die ehemaligen MfS-Mitarbeiter jemandem geschadet haben, ob sie Reue zeigten und ob eine Weiterbeschäftigung dem MDR nütze oder schade.

Beinahe verzweifelt verwieß Reiter immer wieder auf die Rechtslage. Er sei kein "politischer Indendant", moralische Bedenken gegen Mitarbeiter seien mit dem Arbeitsrecht nicht zu bewältigen. Er könne nur die Arbeit seiner Journalisten ansehen, ob die ordentliche Arbeit machen. Die Verstrickungen aus der Vergangenheit könne er so nicht lösen.

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