Stasi und Springer : Skandal um „Rosi“

Ein Diskussionsabend, eine Studie und ein ARD-Film über die Stasi-Bespitzelung des Springer-Verlags

Kerstin Decker
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Im Visier: Axel Springer, vor seinem Verlagsgebäude in Berlin.Foto: WDR

In der 65. Minute geschieht es. Peter Schneider, einst Mitvorbereiter des „Springer-Tribunals“ 1967, heute geläutert, hat bis eben geschwiegen. Plötzlich sagt er in düsterem Ton: „Hier findet eine Pro-Springer-Kampagne statt!“ Auch sei er erstaunt, dass der Konzern das nötig habe. Sein Nachbar auf dem Podium, vormals Mitgründer der Gruppe „Revolutionärer Kampf“ bei Opel Rüsselsheim, jetzt Chefredakteur der „Welt“-Gruppe im Springer-Verlag, schaut den einstigen Bruder im Geiste tadelnd an. Auftakt zu einem unruhigen Montagabend. Was war passiert?

Soeben hatte ein kleiner geladener Kreis in der Deutschen Kinemathek am Berliner Potsdamer Platz Tilmann Jens’ neuen Dokumentarfilm gesehen. Er heißt „Bespitzelt Springer! Wie die Stasi einen Medienkonzern ausspähte“, läuft heute Abend im Ersten und verfolgt den langen Arm der Staatssicherheit der DDR bis in die Führungsetage des Springer-Konzerns. Ein Stück Zeitgeschichte im Stil des Enthüllungsjournalismus.

Bemerkenswert ist das schon: Schrieb der Mediengewaltige Axel Springer einen Brief an Solschenizyn oder an den amerikanischen Präsidenten – die Stasi wusste es noch am selben Abend. Schuld war fast immer Chefsekretärin „Rosi“. Tilmann Jens spricht den Namen vor, in und nach dem Film wie ein beleidigter Gourmet, genau abschmeckend, um ihn am Ende auszuspucken.

„Rosi“ heißt nämlich nicht „Rosi“, aber sie hat einen Anwalt, der erwirkte, dass ihr wirklicher Name nicht genannt werden darf. Jens ärgert das sehr. Die aus der DDR Geflüchtete schlief mit einem Vertreter der Chefetage, der seine Frau zwar nicht für sie verließ, die Schreibmaschine der Sekretärin und diese selbst aber zu sich holte – ganz nach oben. Vielleicht war „Rosi“ froh, als sie den „schönen Gerd“ (Jens) wiedertraf, diesen Vertrauten aus DDR-Tagen. Sie sei abgeschöpft worden, sagt heute die alte Frau, insofern sie überhaupt etwas sagt. Im Verlag gratuliert man ihr noch immer zum Geburtstag.

„Bespitzelt Springer!“ ist über weite Strecken eine „Rosi“-Geschichte, also ohne spezifischen geistigen Gehalt. Vielleicht hat Peter Schneider das geärgert, gerade weil sie von einer Zeit handelt, die so voll von spezifischem geistigen Gehalt war. Damals, als Zeitungsfragen noch Seinsfragen zu sein schienen.

1966 wurde das Verlagshochhaus direkt an der Mauer eingeweiht, mit freiem Blick auf die Hauptstadt des Gänsefüsschenlandes. Axel Springer war der einzige große Verlagsmann, der den Mut hatte, nach Berlin zu gehen. Im selben Jahr sprach Walter Ulbricht aus, was er am liebsten machen würde: Springer enteignen!

Wahrscheinlich war es Neid. Millionen lasen freiwillig Springers bunteste, geistig nicht unbedingt anmutige Zeitung, dachten nicht im Traum an Revolution und glaubten sogar, was drin stand. Fast niemand aber las freiwillig das „Neue Deutschland“, und wenn doch, glaubte er noch lange nicht, was drin stand.

Den Umstand, dass bald auch West-Berliner Studenten „Enteignet Springer!“ forderten, streift der Film mit dem Satz: „Schützenhilfe aus Ostberlin war den Rebellen durchaus willkommen.“

Tilmann Jens, Autor eines wunderbaren kleinen Mark-Twain-Buches, hat gar nichts Schlimmes getan. Er verharrt nur entschlossen auf dem spezifischen Reflexionsniveau, das man heute im Fernsehen für zumutbar hält. Auch besitzt sein Film ein eigentümlich unbefriedigendes Ergebnis, nämlich – gar keins. Die große Stasi-Maschine hatte dem Konzern nichts anzuhaben vermocht, ja, sie konnte ihm nicht einmal schaden.

„Bespitzelt Springer!“ ist der Begleitfilm zum soeben erschienenen Buch „Feind-Bild Springer – Ein Verlag und seine Gegner“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 328 Seiten, 19,90 Euro). Sein Mitautor Stefan Wolle findet Montag auf dem Premierenpodium gerade zu der Einschätzung, dass „die freie und pluralistische Gesellschaft“ durch „diesen Konzern repräsentiert“ worden sei, als Peter Schneiders Einwurf „Wir haben da eben eine Heiligenlegende gesehen!“ für einen Augenblick tiefen Schweigens sorgt. Springer, dieser härteste Gegner der Entspannungspolitik, habe die Studenten nützliche Idioten des Ostens genannt, und jetzt, sagt Schneider, höre er das alles wieder. Der Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Thomas Schmid, gibt seinem Nachbarn zu bedenken, dass sie beide damals keine Demokraten gewesen seien, da brauche er nur Schneiders Kursbuch-Aufsätze lesen. Der beharrt darauf, dass der authentische Ur-Impuls doch demokratisch gewesen sei.

Jens beteuert inzwischen, ganze „Bild“-Jahrgänge studiert zu haben. Darunter fänden sich „widerwärtige Artikel, darüber müssen wir gar nicht reden“, – kurzes Innehalten – „oder müssen wir doch darüber reden?“

Der Film vermeidet es, aber am Potsdamer Platz wird es noch ein langes Darüberreden, bis hin zu der Publikumsvermutung, Springer trage die Hauptschuld an der Radikalisierung der Studentenbewegung. Die Argumente für Springer als Verhinderer und Beförderer der Demokratie kreuzen sich. Patt. Die Wahrheit ist immer das Ganze?

Sagen wir es so: Demokratie lebt nicht zuletzt von einem Durchlässigsein für Nuancen. Und das Hoffnungsvollste am Menschen ist seine Fähigkeit zu Verfeinerungen. Die „Bild“-Zeitung, dieser grobe Keil auf dem groben Klotz Mensch, schien nach dem Krieg, nach der Erfahrung unendlicher Manipulierbarkeit der Massen, gewiss viel bedenklicher als heute. Sein feindlicher Bruder, der grobe Keil Ost, ist Geschichte. Wo die Staatssicherheit zum Hauptfokus der Betrachtung wird, bleibt anstelle einer historischen und geistigen Relation nur die von Opfer und Täter – eine Denkhemmung also. Ist das ihre späte Rache? Vom Stasi-Opfer Springer war am Ende dieser Film- und Buchpremiere nicht mehr viel übrig.

„Bespitzelt Springer! Wie die Stasi einen Medienkonzern ausspähte“, Mittwoch, ARD, 23 Uhr 15

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