Statt Fernsehen : Wenn der Kino-Besuch zur Qual wird

Unser Kolumnist Matthias Kalle arbeitet normalerweise als TV-Kritiker. Doch jetzt ist er zur Abwechslung mal ins Kino gegangen - und war am Ende ziemlich genervt.

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So ein Kino-Besuch kann ziemlich anstrengend sein - findet jedenfalls unser Kolumnist Matthias Kalle.
So ein Kino-Besuch kann ziemlich anstrengend sein - findet jedenfalls unser Kolumnist Matthias Kalle.Foto: dpa

Ich bin ja auch deshalb Fernseh- und nicht Filmkritiker geworden, weil ich nicht gerne ins Kino gehe. Dabei finde ich die Idee ja gut – und ich verstehe jeden Text, der die Magie des Kinobesuches beschreibt, und wenn ich darüber lese, von Michael Althen oder Claudius Seidl, dann ärger ich mich immer, dass das bei mir einfach nicht funktioniert.

Vor kurzem habe ich es wieder ausprobiert, ein, zweimal im Jahr gehe ich nämlich ins Kino, so wie Menschen ein, zweimal im Jahr ins Schwimmbad gehen, obwohl sie nicht gerne schwimmen: aus einer Mischung aus schlechtem Gewissen und Notwendigkeit. Ich wollte also „Mad Max: Fury Road“ schauen, unbedingt sogar, zum einen, weil ich für solche Art Filme eine heimliche Vorliebe habe, zum anderen schrieb jeder Filmkritiker, dessen Urteil ich vertraue, hymnenartige Besprechungen über den Film.

Ich ging allein ins Kino, denn nicht viele Menschen, die ich kenne, teilen meine Vorliebe für solche Filme. Ich kaufte mir eine Kinokarte im Internet, ich konnte mir meinen Platz aussuchen: Ich wählte das vordere Drittel, mittig, denn wenn ich schon mal ins Kino gehe, dann soll die Leinwand ganz nah sein – hinten sitzen wäre ja fast wie Fernsehschauen, und das mach ich ja eh schon den ganzen Tag zu Hause. Ich ging zu Fuß zum Kino, das Wetter war schön, der Saal nur halb besetzt, der vordere Teil war vollkommen leer. Ich setzte mich auf meinen Platz und freute mich auf den Film. Während die Werbung lief, kam ein Paar in meine Reihe und setzte sich direkt neben mich. Sie grüßten freundlich. Vielleicht, dachte ich, suchen die beiden Kontakt. Warum sonst sollten sich sie direkt neben mich setzen? Die ganze Reihe war frei. Die Reihe davor war frei. Die dahinter auch. Oder aber, die beiden nahmen es sehr genau, schließlich hatten sie ja Platzkarten, sie saßen auf ihren Plätzen, alles hatte also seine Ordnung.

Dann begann der Mann ein mitgebrachtes Käsebrot zu essen und ein Bier zu trinken. Das Käsebrot schien ihm zu schmecken. Das Bier auch. Ich hörte, dass er Hunger hatte, Hunger und Durst. Ich dachte: Gut, der Mann kommt gerade von der Arbeit, stressiger Job, keine Zeit fürs Mittagessen – und manche Menschen mögen kräftigen Käse halt ganz gerne. Das Brot wird irgendwann aufgegessen sein, das Bier getrunken, und überhaupt: Ich saß im Kino, nicht zu Hause – was sollte ich denn sagen?

Dann begann der Film. Für die beiden neben mir schien das wie ein Startschuss zur Konversation – endlich konnten sie sich mal unterhalten. Es ging um dieses und jenes, ab und zu ging es auch über das, was da auf der Leinwand passierte, aber eher selten. Ich stand auf, ging auf die Toilette, und als ich wieder zurück in den Saal kam, setzte ich mich woanders hin, auf einen Platz, an dem mich die beiden nicht sehen konnten. Ich fand den Film dann übrigens sehr gut.

Vielleicht gehe ich zu selten ins Kino, um mir ein Urteil erlauben zu können, aber: Wenn jemand ins Kino geht, dann doch eigentlich, um einen Film zu schauen, oder? Es kann natürlich sein, dass sich da in den letzten Jahren was verändert hat, aber so hatte ich das in Erinnerung. Wenn man was essen und sich unterhalten will, bietet sich zum Beispiel ein Restaurant an. Nennen Sie mich altmodisch, aber früher hat diese Aufteilung (essen und reden hier – Film schauen dort) doch auch ganz gut funktioniert.

Als ich wieder zu Hause war, schloss ich die Tür, schaltete den Fernseher ein und genoss die Stille und Einsamkeit.

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