Stauffenberg-Film : Gebt alles!

Achtung, das ist nicht Hollywood: Das ZDF will die wahre Geschichte Stauffenbergs erzählen – vor Tom Cruise.

Kerstin Decker
Stauffenberg
Oberst von Stauffenberg (Peter Becker) fliegt am Morgen des 20. Juli 1944 zum Führerhauptquartier "Wolfsschanze". -Foto: ZDF

So viele Gedenktage in diesem Jahr und zuerst gedenken wir eines Mannes, dessen wir eben erst gedacht haben. Also vor fünf Jahren. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 36-jähriger Hitler-Attentäter aus 800-jährigem Adelsgeschlecht. Nicht viele haben die Macht, eigenmächtig Gedenktage anzusetzen. Tom Cruise ist einer von ihnen. Nächste Woche startet sein Film „Operation Walküre“ im Kino, und Guido Knopp betrachtete es als eine Frage persönlicher Ehre, den Begleitfilm im Fernsehen zu liefern. Schließlich hatte Bryan Singer die Kino-Regie, verantwortlich für Produkte wie „Supermen“. Was, fürchtete Knopp wohl, wenn von Stauffenberg nur ein neuer Superman bleiben würde?

Zur Sicherheit nennt Knopp seinen Zweiteiler „Stauffenberg – Die wahre Geschichte“. Sagen wir es so: Singer erzählt keineswegs die unwahre Geschichte, nur treten bei Singer keine Zeitzeugen vor typisch Knoppschem monochromem Hintergrund auf – was eine optische Täuschung ist. Geschichte ist von Natur aus polychrom, ein Schnittpunkt der abenteuerlichsten Ambivalenzen. Da sind Ewald von Kleist, Mitverschwörer des 20. Juli, Richard von Weizsäcker, damals Oberleutnant, Konstanze von Schult hess-Rechberg, Stauffenbergs Tochter, Kurt Salterberg, Wache Sperrkreis 1 a in der „Wolfsschanze“, oder Erwin Schenzel, Nachrichtenoffizier im Bendlerblock. Schenzel: „Mein Wachtmeister hat gesagt: ‚Ich habe hier das wichtigste Schreiben, das ich überhaupt jemals während meiner Dienstzeit gehabt habe: Der Führer ist tot.’ Er gab mir diesen Befehl zur Auslösung von Walküre, den wir an alle militärischen Dienststellen, Wehrkreiskommandos und die Oberbefehlshaber der Armeen weitergeben sollten.“ Solche Sätze im Munde alter Männer ersetzen ganze Spielfilme.

Der Wachtmeister muss ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, von einem sehr eigenen Witz, wie ihn auch Stauffenberg besaß. Um Mitverschwörer soll er etwa so geworben haben: „Gehen wir gleich in medias res, ich betreibe mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln Hochverrat.“ Auf Tom Cruises maskenhaften Stauffenberg fällt nicht der Hauch des Verdachts, der Mann könnte jemals in seinem Leben gelacht haben. Allerdings bezahlen wir auch einen hohen Preis, Knopps Zeitzeugen zuzuhören, denn zwischendurch wird gespielt. Spielszenenlänge: jeweils zwei Minuten. Für den Auftritt des Knoppschen Ensembles um Peter Becker als Stauffenberg gibt es nur eine Erklärung. Jemand muss vor jedem Auftritt gerufen haben: „Ihr habt genau zwei Minuten. Gebt alles!“ So gleichen die Spielszenen eher Dokumenten einer spätpubertären Identitätskrise. Tom Cruise hat zumindest eine Vorstellung davon besessen, dass Gestik und Mienenspiel eines Offiziers sich erheblich von der eines Abkömmlings der Spaßgesellschaft unterscheiden. Und die Vermischung von Spielfilm und Dokumentation ist ärgerlich, weil sie beiden Seiten ihre Stärken nimmt. Den besten Spielfilm zum Thema hat das Fernsehen längst gedreht, vor fünf Jahren, mit Sebastian Koch. Dieser verließ sich wie „Operation Walküre“ auf die bezwingende Chronologie: Anfang und Ende einer ungeheuren Hoffnung an einem Tag. Eines sollte man sich bewusst machen – die folgenden neun Kriegsmonate forderten mehr Opfer als die fast fünf Kriegsjahre zuvor.

Vielleicht hätte man den Hintergrund Stauffenbergs, dieses großen Nicht-Demokraten, deutlicher zeichnen müssen, weil er uns heute fast nicht mehr verständlich ist. Seine Immunität gegen jeden Führer, nicht zuletzt, weil er längst einen hatte: Stefan George, Dichter. Bis zuletzt soll Stauffenberg einen Ring getragen haben mit der Inschrift „Finus Initium“, die letzte Zeile eines George-Gedichts, das so beginnt: „Ich bin der eine und bin beide/Ich bin der zeuger bin der schoss/Ich bin der degen und die scheide/ich bin das opfer bin der stoss.“ Eine politische Vision ist das nicht, aber eine große menschliche. Sie erklärt auch, warum es dem Kreis um Stauffenberg nicht zuerst um den Erfolg ging, sondern vor allem darum, es versucht zu haben. Jeder drittklassige Putschist einer Bananenrepublik hätte gewusst, dass er zuerst den Rundfunk in seine Gewalt bringen muss. Ein anderer Plan zur Ermordung Hitlers war durchgefallen, weil es mit dem Ethos des deutschen Offizierskorps nicht zu vereinbaren sei, einen Mann bei Tisch zu erschießen. Nein, den Verschwörern waren diese Putschistentugenden wohl zu unheimlich.

„Stauffenberg – Die wahre Geschichte“, Doku-Drama, ZDF, heute und am 20. Januar, 20 Uhr 30

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