Stefan Aust : "Ruhestand? Wenn ich tot bin"

Stefan Aust wird 65, von Ruhestand kann aber keine Rede sein. Im Interview spricht er über spätes Glück, seinen Sender N24 und die Zukunft des "Spiegel".

von
Große Hoffnung setzt Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust in den Nachrichtensender N24, an dem er Anteile besitzt.
Große Hoffnung setzt Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust in den Nachrichtensender N24, an dem er Anteile besitzt.Foto: dpa

Herr Aust, wie viele Fernseher besitzen Sie?

Keine Ahnung. Aber immer nur einen zur Zeit.

Künftig können Sie sich in Ruhe vor den Bildschirm setzen, schließlich werden Sie heute 65 und erreichen damit offiziell das Rentenalter.

Für viele Menschen bedeutet die Zahl 65 das Ende des beruflichen Alltagslebens. Das wird bei mir aber ganz sicher nicht der Fall sein.

Warum nicht?

Ich habe immer gerne gearbeitet, mein Leben lang. Na gut, ab und zu habe ich auch mal Urlaub gemacht. Aber mein größter Spaß bestand immer in der journalistischen Arbeit und es gibt für mich keinen Grund, damit aufzuhören.

Vor einem Jahr haben Sie sich zu Ihrem 64. Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht: Sie haben sich Ihren eigenen Fernsehsender gekauft. Mit 26 Prozent sind Sie an dem Nachrichtensender N24 beteiligt.

Das ist das Beste, was mir in meiner beruflichen Laufbahn bisher passiert ist.

Dann war es also großes Glück, dass Sie Anfang 2008 nach 13 Jahren als „Spiegel“-Chefredakteur vorzeitig gehen mussten?

Na ja, sagen wir ein unerfreuliches Glück. Man hätte das sicherlich auch eleganter lösen können. Das sehen die meisten dort heute wohl ähnlich. Aber im Endeffekt war es natürlich gut für mich, dort deutlich vor dem 65. Lebensjahr auszuscheiden, denn dadurch hatte ich genügend Zeit, etwas Neues anzufangen. Und diese Chance habe ich genutzt.

Und Ihre Abfindung vom „Spiegel“ in N24 gesteckt?

Das möchten Sie wohl wissen. Aber ich werde jetzt nicht sagen, wie viel das eine war und wie viel das andere gekostet hat und ob es dazwischen eine Verbindung gibt. Manche Geheimnisse müssen eben gewahrt bleiben.

N24 hat einen Marktanteil von 1,5 Prozent, mit dem „Spiegel“ haben Sie das einflussreichste Magazins Deutschland geführt. Vermissen Sie diesen Einfluss?

Das war ja nur geliehener Einfluss. Mir war immer klar, dass es morgen vorbei sein kann. Und dass ich an der Spitze des „Spiegel“ stand, war nur einer Reihe von Zufällen zu verdanken. Wenn ich den „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein nicht irgendwann kennengelernt hätte, wäre die Entwicklung anders verlaufen. Ich wäre sicher woanders gelandet.

Und zwar wo?

Vielleicht beim „Stern“. Als der noch ein großes, wichtiges Magazin war, dachte ich, dass ich dort mit meinen Fähigkeiten besser aufgehoben wäre. Ich habe immer auch optisch gedacht und war nie ein klassischer Nachrichtenmensch.

Heute besitzen Sie sogar einen eigenen Nachrichtensender, leiten die Abteilung New Business und New Formats. Was genau machen Sie da?

Ich produziere wie verrückt Filme, Reportagen, mache jede Woche die historische Sendung „Zeitreise“.

Die läuft dienstags um 23 Uhr, zur Primetime von N24. Dürfen Sie sich als Chef den Sendeplatz selbst aussuchen?

Das würde ich nie tun, denn der Chef des Senders heißt Torsten Rossmann. Ich halte nichts von Doppelspitzen. Ich selbst hätte mir anfangs wahrscheinlich eine frühere Zeit ausgesucht, bin jetzt aber sehr froh über diesen für eine solche Reihe idealen Sendeplatz – und auch über die Entwicklung des Senders insgesamt. Letztes Jahr lag der Marktanteil bei 1,3 Prozent, im März haben wir über zwei Prozent erreicht und liegen aktuell bei knapp 1,7 Prozent. Eine solche Steigerung dürfte bei anderen Medien selten sein.

Wobei N24 von der nachrichtenstarken Zeit mit dem arabischen Frühling und dem Erdbeben in Japan profitiert hat. Jetzt kommt die ruhige Sommerzeit.

Das werden wir sehen. Wir haben den Eindruck, dass viele der Zuschauer, die durch die Nachrichtenlage im Frühjahr bei uns gelandet sind, auch bei uns bleiben.

Vielleicht steigt die Quote, wenn Sie als Moderator präsenter wären?

Auch wenn viele Leute das nicht glauben werden, aber ich bin nicht besonders eitel und vielleicht auch nicht so locker, wie man als Fernsehmoderator sein muss. Mein Herzenswunsch besteht nicht darin, häufiger vor der Kamera zu stehen.

Was wünschen Sie sich dann zum 65. Geburtstag?

Dass sich der Sender so gut weiterentwickelt, wie er es bisher getan hat.

Wer aber wird sich in den nächsten zehn Jahren am besten entwickeln: Der „Spiegel“, N24 oder Stefan Aust als Unternehmer?

N24. Weil der Sender sehr gut aufgestellt ist und erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet, sowohl im Programmbereich als auch wirtschaftlich.

Aber von den schwarzen Zahlen ist N24 noch weit entfernt.

Das sieht im Augenblick besser aus, als wir es vor einem Jahr nach der Übernahme erwartet haben.

Welche Zehn-Jahres-Prognose haben Sie für den „Spiegel“?

Den wird es natürlich auch dann noch geben. Mit welcher Auflage, wird sich zeigen. Fast alle Print-Titel haben im Augenblick zu kämpfen. Das ist nur zum Teil Folge der Internet-Entwicklung.

Sie selbst mussten Ihre Pläne für ein neues Wochenmagazin beerdigen, nachdem sich die WAZ-Gruppe als Geldgeber zurückgezogen hat.

Ich habe den Entwicklungsauftrag bekommen, so wie ein Architekt den Auftrag, ein Haus zu entwerfen. Ob der Bauherr sich das am Ende leisten kann oder will, ist nicht Sache des Architekten. Die Rechte für das Magazin sind kürzlich wie vereinbart an mich übergegangen. Und jetzt schauen wir mal, was wir draus machen.

Und wann kommt der Ruhestand?

Spätestens, wenn ich tot bin. Mein Großvater ist 97 geworden. Mit dieser Bedrohung müssen meine Kollegen – und auch meine Konkurrenten – leben.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Biografie

Stefan Aust wurde am 1. Juli 1946 in Stade geboren. Er begann seine journalistische Karriere bei„konkret“, wurde Redakteur beim TV-Magazin „Panorama“ und 1988 Chefredakteur von „Spiegel TV Magazin“. Er beschäftigte sich intensiv mit der RAF, schrieb mehrere Bücher, unter anderem „Der Baader-Meinhof-Komplex“. 1994 übernahm Aust die Chefredaktion des „Spiegel“, nach einem Konflikt zwischen den Gesellschaftern des Magazins wurde sein Vertrag 2008 nicht verlängert. Anschließend entwickelte Aust für die WAZ-Gruppe ein Wochenmagazin, das jedoch nicht erschien. Seit 2010 ist er an dem Nachrichtensender N24 beteiligt. In seiner Freizeit züchtet Aust Hannoveraner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben