Medien : Sterben ja, aber nicht allein und einsam

Der berührende ARD-Film „Marias letzte Reise“ wirbt für die Hospizbewegung in Deutschland

Thilo Wydra

Es ist alles eine Frage des Erlebt-Habens. Hat man es schon erlebt, dann lassen einen die Eingangssequenzen von Rainer Kaufmanns herausragendem Fernsehfilm „Marias letzte Reise“ umso mehr frösteln, erinnern vielleicht an eigene Erfahrungen, und schon nach wenigen Bildern spürt man: Dieser Film, dieses Drama, es ist ganz dicht dran am Leben, es überhöht und abstrahiert nicht. Nein, dieser Film lügt nicht, er ist hoch authentisch, zutiefst glaubwürdig.

Die ersten Bilder zeigen eine Krankenhausstation. Ein Frau stirbt. Unbeachtet. Niemand ist bei ihr. Die Maschinen laufen einfach noch weiter. Als Schwester Andrea (Nina Kunzendorf) den Tod bemerkt, wird alles abgestellt, Oberarzt Dr. Osterhahn (Günther Maria Halmer) fragt nach der Todeszeit, notiert diese, steckt den Stift wieder an den Ärztekittel, zieht stoisch-ungerührt weiter. Eine Decke über die Tote, raus aus dem Zimmer, dazwischen wird Schwester Andrea zum Geburtstag noch mit Wunderkerzen überrascht – vor dem Bett der Verstorbenen. Sterile Bilder der Gleichgültigkeit. Bilder von unglaublicher sozialer Kälte.

Das alles geschieht, während der Titel-Vorspann noch läuft. Da hat einen der Film schon gepackt. Ein Film über das Sterben, über den Tod und unseren verkrüppelten Umgang damit. Jährlich sterben in Deutschland etwa 850000 Menschen. Die meisten von ihnen in Krankenhäusern und Heimen, viele von ihnen vergessen und verlassen.

„Marias letzte Reise“ zeichnet das Sterben der Maria Stadler (Monica Bleibtreu) nach. Maria hat ihr Leben am Staffelsee in Oberbayern verbracht. Maria hat Krebs. Unheilbar. Sie liegt – bleich und mit kahlem Schädel – in der Klinik ihres Freundes Dr. Osterhahn, der ihr die x-te Chemotherapie verpassen will. Doch Maria mag nicht mehr, will heim, auf ihren Hof, den der mit der neuen Situation völlig überforderte Sohn Simon (Michael Fitz) führt, dessen verhätschelter Bruder Hans (Philipp Moog) erst spät aus Australien anreist. Gegen den Willen von Osterhahn geht Maria nach Hause, und der Arzt und Freund schickt ihr Schwester Andrea nach, um ihr zu helfen, auch, um sie zu pflegen und in den Tod zu begleiten. Doch Andrea ist auf Marias Hartnäckigkeit, auf ihren Sturkopf nicht vorbereitet. Die alte Frau will sich nicht helfen lassen, von nichts und niemandem. Nur den Heilpraktiker Dr. Wu (Nikolaus Paryla) lässt sie an sich heran. Langsam, ganz langsam nähern sich die Sterbende und die Begleitende einander an, tragen kleine Kämpfe miteinander aus, aus Distanz wird Nähe, aus Ablehnung Akzeptanz. Dann beginnt Maria zu sterben. Und Andrea spürt dies, dreht ihr Bett so, dass es zum Fenster gerichtet ist, Marias im Raum schlafende Söhne wachen auf und stellen sich an das Bett. Andrea macht das Fenster auf, Licht und Luft kommen herein. Und Maria hört langsam zu atmen auf.

Sterbebegleitung ist in Deutschland ein noch immer stiefmütterlich behandeltes Thema, nur etwa vier Prozent der hier zu Lande Sterbenden werden durch die Hospizbewegung begleitet. Im Grunde ein akuter gesellschaftlicher Notstand, der einen jeden von uns angeht, der jedoch nirgends thematisiert, sondern radikal verdrängt wird.

Dieser wunderbare leise, stille Film erzählt davon. Und alles passt und stimmt, nichts stört. Regisseur Rainer Kaufmann („Die Kirschenkönigin“) und die Münchner Drehbuchautorin Ariela Bogenberger nehmen sich dieses heiklen Sujets behutsam und mit denkbar großer Sensibilität an, und die Darstellungen von Monica Bleibtreu und der seit „Rosenstraße“ bekannt gewordenen Nina Kunzendorf sind in ihrem präzisen Minimalismus schlichtweg grandios – Grimme-Preisverdächtige Interpretationen innerer Zustände.

„Marias letzte Reise“, ein Primetime-Wagnis ohne Kuschelfaktor, ist einer der besten und wichtigsten und notwendigsten deutschen Fernsehfilme des Jahres 2005. Man möchte vor ihm auf die Knie gehen.

„Marias letzte Reise“: ARD, 20 Uhr 15

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