Medien : Streitkultur

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Die Politik war nicht immer so artig. Im Gegenteil. Als vor genau 20 Jahren die sozialliberale Koalition auseinanderbrach, strebte die Bonner Streitkultur einem Höhepunkt entgegen, der zugleich die „Wende“ einleitete. Diese „Wende“ lässt sich im Nachhinein deuten als ein Ende der Konfliktfähigkeit, als Beginn des postmodernen Zeitalters der unumschränkten Harmonie. Längst spielen die Medien nicht mehr die Scharfmacher, sie reglementieren und wiegeln vielmehr ab. Ein Fernsehduell zwischen zwei Kanzlerkandidaten wird so leicht zu einem Quoten-Hype, bei dem hochgezüchtete Musterknaben auswendig gelernte Sätze herbeten.

Diese rhetorische Zurückhaltung war im September 1982 undenkbar. Wir erinnern uns an Franz Josef Strauß, der einen abrupten Regierungswechsel erzwingen wollte, indem er die FDP-Minister aufforderte, wegen des Dauerstreits mit der SPD zurückzutreten. Dass er sie gleichzeitig beleidigte, erschien unausweichlich. Genscher und Lambsdorff wurden von Strauß als „tragische Figuren“ bezeichnet, woraufhin die FDP empört von einem inszenierten „Königsmord“ an Helmut Schmidt sprach.

Doch Schmidt musste gehen, weil er – so der Vorwurf – seine Wahlversprechen nicht gehalten hatte. Bevor Helmut Kohl Kanzler wurde, beschimpfte er offen seinen Vorgänger: „Nun, Herr Bundeskanzler, es gibt keinen einzigen Regierungschef seit Begründung der Bundesrepublik Deutschland, der mit dem Begriff ,Wahrheit’ Schindluder getrieben hat wie Sie.“ Der Regierungsverlust der SPD im Oktober 1982 brachte wiederum Herbert Wehner dazu, auf eine weitere Bundestagskandidatur im März 1983 zu verzichten. Fortan fehlten seine bissigen Parlamentsreden mit den unentwirrbaren Schachtelsätzen, seine bösartigen Zwischenrufe. Nach und nach versiegte die Streitkultur. Von den unvergessenen Urvätern blieb zuletzt nur noch Willy Brandt übrig, einer der fairsten und klügsten Verfechter des kontroversen politischen Diskurses in Deutschland. Uta-Maria Heim

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