Streitpunkt RBB : Sich selbst neu erfinden

Die Lage ist derzeit günstig. Nur: Wie kann es gelingen, den RBB wieder relevant zu machen? Wie kann man Berlin und Brandenburg covern? Eine Position.

Jan Lerch
Läuft noch mit am Besten: die "Abendschau" des RBB
Läuft noch mit am Besten: die "Abendschau" des RBBFoto: rbb

Oberflächlich betrachtet, hat der RBB zu wenig Fernsehzuschauer. Dies kann man versuchen zu ändern, indem man das Programm optimiert und neue Sendungen einführt. So wie es jetzt unter der neuen Intendantin Patricia Schlesinger angekündigt wird. Das schadet nie – aber am eigentlichen Problem ändert dies nichts.

Der RBB bekommt Gebührengelder von allen, doch immer größere Gruppen der Gesellschaft (die Jungen sowieso, aber auch Gebildetere, Zugezogene etc.) wissen nicht mal, wo der entsprechende Knopf auf der Fernbedienung ist – es ist de facto ein Spartensender für Senioren. Dies bedroht die Legitimität der Öffentlich-Rechtlichen. Wer sich nicht in die Nischen des Hauses des Rundfunks duckt, spürt den heftigen Gegenwind – aus verschiedenen Richtungen! – schon jetzt.

Dabei ist noch Zeit umzusteuern. So ist bei den RBB-Radiowellen das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und seinen Gebührenzahlern noch weitgehend intakt, Radio Eins und Radio Fritz sind zum Beispiel in Zielgruppen stark, die das Fernsehen gar nicht oder kaum noch erreicht.

Der RBB hat zwar früh erste Schritte Richtung Trimedialität gesetzt, aber was das eigentlich heißt, zeigt sich auf dem Smartphone: Bewegtbild, Audio, Text – alles drin! Kästchendenken war gestern. Die Parole muss lauten: Ein RBB – mit vielen unterschiedlichen (Unter-) Marken und Ausspielkanälen. Noch jeder Facebook-Kanal (oder Twitter- oder Snapchatkanal) einer Sendung, ja eines Reporters ist ein vollwertiger Ausspielkanal, der User/Hörer/Zuschauer den RBB wahrnehmen lässt und bindet!

Radios müssen längst auf Social-Media-Kanälen auch Bewegtbild machen. Anders als die kommerzielle Konkurrenz hätten die Sender des RBB Zugriff auf Bewegtbild-Profis – doch dieser enorme Wettbewerbsvorteil wird bisher kaum genutzt! Hier muss ein völliges Umdenken stattfinden. Die Grenzen zwischen TV, Radio, Netz und Social-Media-Kanälen müssen fließend werden. An den Schaltstellen braucht es Menschen, die crossmedial denken – und immer die besten Entscheidungen für den RBB treffen.

Der RBB wäre so gänzlich anders in der Lage, Berlin und Brandenburg zu covern. Jeder Reporter müsste live-fähig sein, ein eigener Social-Media-Akteur, sämtliche Ereignisse könnten sofort je nach Wichtigkeit über einzelne oder viele RBB-Social-Media-Kanäle live geposted/gesendet werden. Sobald eine bestimmte Schwelle überschritten wäre, könnte umgehend auch das Fernsehen einbezogen werden.

Im TV könnte es zudem in den zahlreichen Quotentälern Streamingplätze für Konzerte oder sonstige Highlights aus dieser sich oft überschlagenden Region geben. Das RBB-Fernsehen würde zum Beispiel am späten Abend zu einer Wundertüte, jünger, experimentierfreudiger, hauptstadtwürdiger – zu vergleichsweise geringen Produktionskosten. Welch Wirkung hätte es beispielsweise gehabt, wenn der RBB auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Nacht für Nacht live vor dem Lageso gewesen wäre (im TV oder auch nur per Periscope auf Twitter)!

Dies wäre der Anfang eines umfassenden Graswurzelansatzes, der, was gut in die Zeit passt, glaubwürdig und bescheiden daherkäme. Stark wachsende Social-Media-Kanäle, mehr crossmediales Denken im Sender und eine gänzlich andere Präsenz des RBB (digital und vor Ort) wären die Folge.

Der RBB würde bei mehr Ereignissen als Bewegtbildplattform wahrgenommen – und damit für Akteure interessant, die schon längst nichts mehr mit dem RBB zu tun haben. Sie würden plötzlich der crossmedialen Möglichkeiten des RBB gewahr und ihrerseits mit ihren Ideen auf den Sender zugehen. Der RBB stärkt seine Kanäle, neue Rückkanäle entstehen. Und die Akteure des Rückkanals würden – als schöner Nebeneffekt– den RBB ihrerseits herausfordern! Selbst Bereiche wie Fiction und Entertainment würden durch ganz neue Kreativität und Risikofreude von außen beflügelt. Vielleicht testete man neue Formate künftig als erstes in den gestärkten Social-Media-Kanälen – oder produzierte sie gar nur für das Netz.

Die Lage ist derzeit günstig, da Social-Media im Mainstream angekommen ist, die technischen Produktionsmittel für kostengünstiges Bewegtbild inklusive Live-Schalten da sind und vor allem das Radio noch ein relevantes Medium ist (Achtung, Radio Fritz schwächelt zuletzt sehr bei den Jungen in Berlin!).

Der Erfolg wird sich einstellen, aber nicht kurzfristig. Dafür ist die Situation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu verfahren. Alles spricht momentan dafür, optimistisch einen solchen Weg anzugehen. Der RBB kann Teil des Aufschwungs, der Internationalisierung und Verjüngung der Hauptstadtregion werden – er muss sich dafür aber selbst neu erfinden und dynamisieren. Jan Lerch

Der Autor dieser Position arbeitet als Formatentwickler, Projektleiter und Regisseur für TV- und Online-Projekte von UFA/UFA Lab. Als Manager des Internet-Startups Tape.tv verantwortete er Streamingprojekte für unterschiedliche Medien. Davor hat er als Redakteur und Moderator beim RBB gearbeitet.

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