Medien : Strippen, historisch gesehen

Joachim Huber

Die Medienredaktion dieser Zeitung geht mit dem Begriff „historisch“ äußerst sparsam um. Heute aber, da die Fußball-WM in Deutschland beginnt, kommen wir nicht umhin. Warum? Kein Deutscher und kein Leser wird Zeit seines Lebens Zeuge einer weiteren Fußball-WM in Deutschland. Und damit ist alles historisch: die WM, die Leser, die Kolumne.

Nun hat der Begriff „historisch“ seine Tücken. Er verlangt permanent den Superlativ. Noch nie hat das Fernsehen so viel von einem WM-Turnier übertragen, nie gab es armdickere Kabel in den Studios, nie war die Expertokratie größer.

Superlativ kann jeder, der wahre Superlativ steckt im Diminutiv – wenn er sich im historischen Superlativ versteckt. Fußball ist eine Frage der Dialektik.

Historisch ist demnach, dass Claudia Effenberg für Premiere auf „Klatschjagd“ gehen wird. Die Ex-Spielerfrau wird aktive Spielerfrauen anbaggern, Stefan Effenberg, Ehemann der Ex-Spielerfrau, wird als Experte antreten, ebenfalls für Premiere. Florida-Claudia und Florida-Stefan gemeinsam in Arbeit und Brot bei einer Fußball-WM in Deutschland. Unvorstellbar. Wahr. Historisch.

Premiere bei RTL: Erstmals wird ein privater Free-TV-Sender an drei Sonntagen WM-Spiele übertragen. Weil am 11. und am 25. Juni zugleich die Formel 1 im Kreis fährt, wird RTL die Bilder mit den Autos an n-tv weiterreichen. Der Newskanal wird über die RTL-Senderfamilienbande eine historische Quote einfahren.

Die WM ist auch zu Gast bei Freundinnen. Das Beate-Uhse-TV richtet folgerichtig die „Strip WM“ aus. KimKim aus Italien zieht gegen Kiki Yakamoto aus Japan blank, just in der Halbzeitpause des Abendspiels um 21 Uhr 50. Tyra Misoux wird sich das schwarz-rot-goldene Trikot vom Leib schälen. Der Form nach wird die Hauptstädterin den einzigen Titel für Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft erringen. Mehr historisch geht nicht.

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