Medien : Strömung unter dem Eis

In Weißrussland ist Pressefreiheit nur ein Wort. Trotzdem finden oppositionelle Medien ihre Leser

Claudia von Salzen

Von Pressefreiheit können Journalisten in Weißrussland nur träumen. In der Rangliste von Reporter ohne Grenzen steht Weißrussland auf Platz 152 – von 167 Staaten. Der autoritäre Staatschef Alexander Lukaschenko hat schon kurz nach seinem Amtsantritt 1994 damit begonnen, massiv gegen oppositionelle Medien vorzugehen. Heute gibt es faktisch keinen unabhängigen Fernseh- oder Radiosender mehr im Land – und die Lage der Medien verschlimmert sich weiter. Seit Anfang 2006 werden oppositionelle Zeitungen nicht mehr an den Kiosken verkauft und den Abonnenten nicht mehr zugestellt. Die staatliche Post wie auch das vom Staat kontrollierte Vertriebssystem hatten kurzerhand ihre Verträge mit den Zeitungen gekündigt. Für Andrej Dynko, den Chefredakteur der Wochenzeitung „Nascha Niwa“, steckt dahinter Methode: „Das Regime setzt eher auf Einschränkung und Einschüchterung als auf Repression. Verbote erregen mehr Aufmerksamkeit, und sie schaffen Helden.“

Die Zeitung „Nascha Niwa“, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, ist in Weißrussland eine Institution. Doch plötzlich stand die Zeitung vor dem Aus, weil sie von ihren Lesern abgeschnitten war. Um zu überleben, musste sie ihr eigenes Vertriebssystem aufbauen. In Minsk und anderen großen Städten wird „Nascha Niwa“ nun von Freiwilligen verteilt, die jeweils 100 Exemplare in der Redaktion abholen und zu den Abonnenten bringen. Andere stecken die Zeitungen in Briefumschläge und schicken sie per Post bis in entlegene Dörfer. Zwischen 3000 und 5000 Exemplare werden auf diese Weise jede Woche verteilt. In der Redaktion nimmt man an, dass jede einzelne Zeitung von mehreren Familien gelesen wird. Schließlich trauen sich viele Menschen nicht, eine oppositionelle Zeitung zu abonnieren, weil sie beispielsweise für ein Staatsunternehmen arbeiten und fürchten, ihre Arbeit zu verlieren.

Durch den Zwang, das Blatt im Untergrund zu vertreiben, hat sich das Verhältnis zu den Lesern verändert: „Wir versuchen, den Menschen verständlich zu machen, wie wichtig das freie Wort ist. Und dass man selbst aktiv werden muss, um sich mit unabhängigen Informationen zu versorgen.“ Die oppositionellen Zeitungen in Weißrussland verstehen sich als Teil einer Bürgerbewegung. Ihren Rückzugsort hat diese Bewegung im Internet gefunden. „Das Internet ist eine Zone der Freiheit in einem Land, das nicht frei ist“, sagt der 32-jährige Dynko, der zu den bedeutendsten Intellektuellen seines Landes gezählt wird. Bisher blieb das Internet von der Kontrollwut des Regimes verschont – zur Überraschung seiner Gegner. Im Internet hat „Nascha Niwa“ heute die meisten ihrer Leser.

Wie lange sich Lukaschenko noch im Amt halten wird, darüber will Dynko, der im Zuge der Proteste nach der Wahl im März zehn Tage im Gefängnis saß, nicht spekulieren. „Mich erinnert das an einen Fluß im Winter. Das Eis an der Oberfläche wirkt stabil. Aber unter dem Eis gibt es eine Strömung. Und auf diese Strömung hoffe ich.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben