Studie entzaubert Twitter : Einsame Vögelchen

Der Kurznachrichtendienst Twitter geriert sich als Ort der Massenkommunikation. Auch die Medien zitieren oft und gerne aus dem Hashtag-Wäldchen. Doch eine Studie hat jetzt ermittelt, ob das Gezwitscher der Twitter-Nutzer überhaupt gehört wird - mit peinlichem Ergebnis.

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Zwitschert, und keiner hört's: Das Logo des Dienstes Twitter
Zwitschert, und keiner hört's: Das Logo des Dienstes TwitterFoto: dpa

Aufschrei? Kam über Twitter! Die Ergebnisse zur Bundestagswahl? Vorab auf Twitter! Erstehilfestationen während des Sommer-Hochwassers? Alle Infos via Twitter. Der Kurznachrichtendienst Twitter ist längst verlässlichster Seismograf aktueller Nachrichten geworden: Was auf der Welt geschieht, geschieht auch auf Twitter. Das Unternehmen selbst sieht seine Plattform dabei weniger als Abbilder der Nachrichtenlage denn vielmehr als Wegbereiter, ja Katalysator dessen, über was berichtet werden soll. Auch wir Journalisten erfreuen uns gerne am Kurznachrichtendienst. Wir zitieren @RegSprecher, goutieren #Neuland-Witze oder dechiffrieren webweite Empörungen - wie über den rassistischen Tweet einer PR-Beraterin.

Was dabei zu kurz kommt: Das beim Kurznachrichtendienst viele Nachrichten zu kurz kommen. Denn so vernetzt, wie seine Nutzer behaupten, ist Twitter nicht. Der amerikanische Daten-Journalist Jon Bruner ermittelte mithilfe von 400.000 zufällig ausgewählten Accounts, wie viele Follower auf einen durchschnittliche Twitter-Nutzer kommen: genau einer.

So fand Bruner heraus, dass - wie wohl jedes Netzwerk - auch Twitter eine Menge Karteileichen birgt. Die Nutzer melden sich an, um jemandem zu folgen - zwitschern aber selber nichts, das folgenswert wäre. Drei Viertel aller Twitter-Nutzer folgt mehr anderen Nutzern als dem Nutzer selbst folgen. Daher hat der Datenexperte in seiner Stichprobe auch Accounts untersucht, die innerhalb des letzten Monates mindestens einen Tweet verfasst haben. Hier stieg die Folgschaft auf immer 61 Accounts. Nur ein Prozent der Twitterer erreicht mehr als 3.000 Follower. Bruner schließt, dass Twitter eher zum Medienkonsum als zur tatsächlichen Kommunikation genutzt wird.

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Und die meisten Accounts mit vielen Followern scheinen Medienprofis, Stars oder Experten auf einem bestimmten Gebiet zu sein. So wird die deutsche Bestenliste von Mesut Özil (@MesutOzil1088) mit 4,5 Millionen Followern angeführt. Es folgen Heidi Klum (@HeidiKlum) mit über 2 Millionen Lesern und der deutsche Überblicksdienst @twitter_de mit 1,2 Millionen Lesern. Die erfolgreichsten Medienaccounts sind @ProSieben (640.000 Follower) und @GQMagazine (480.000). Im internationalen Vergleich nehmen sich die deutschen Topseiten jedoch nichts aus: Global reicht die TopTen von Justin Timberlake mit mehr als 29 Millionen Followern bis Kate Perry mit knapp 49 Millionen.

Für Bruner ist Twitter daher - trotz der millionenfach fehlenden Kommunikationsknoten - ein Gigant mit großem Einfluss auf "populäre wie nicht-so-populäre Kultur". Allerdings sei dieser Einfluss wohl zwischen den wenigen großen Multiplikatoren auf Twitter aufgeteilt. Die Masse hingegen "lehnt sich zurück und hört zu". Ein bisschen wie Radio.

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