Studio : Die Welt, eine „grüne Hölle“

Umzug nach Köln-Deutz: Auch die RTL-Nachrichten kommen jetzt aus einem virtuellen Studio.

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Tausend Scheinwerfer und ein Mensch. Die Technik dominiert das neue Nachrichtenstudio, in dem Peter Kloeppel „RTL Aktuell“ moderiert. Foto: Stefan Menne/RTL
Tausend Scheinwerfer und ein Mensch. Die Technik dominiert das neue Nachrichtenstudio, in dem Peter Kloeppel „RTL Aktuell“...

Etwas kühl wirkt es schon, das neue Nachrichtenstudio von RTL. Blau dominiert stärker als zuvor, und würden in dem runden, transparenten Tisch ein paar Fische schwimmen, man würde sich nicht wundern. Statt Fischen tummeln sich hier jedoch eine Menge Leuchtdioden, wie viele genau, weiß nicht mal der Technische Leiter Thomas Harscheidt. Der Tisch könnte seine Farbe ändern, ein Chamäleon also, aber die Temperatur im Studio der Nachrichtenlage anpassen, das will Chefredakteur Peter Kloeppel dann doch nicht.

Seit vergangenem Samstag moderieren Kloeppel und Sport-Kollegin Ulrike von der Groeben „RTL aktuell“ aus der neuen „grünen Hölle“, dem größten von zwei Nachrichtenstudios im neuen Sendezentrum in Köln-Deutz. Vom runden Tisch aus, mitten im gerundeten Design eines 410 Quadratmeter großen, leeren und ganz in Grün gestrichenen Raums. Will Kloeppel eine für ihn unsichtbar eingespielte digitale Grafik erklären, muss er sich mit ein, zwei Schritten auf eine präzise ausgerechnete Position bewegen. Steht er nur ein wenig falsch, filmen die zuvor programmierten Roboterkameras ins Leere. „Daran habe ich mich noch nicht gewöhnt“, sagt Kloeppel. Größere Pannen gab es jedoch bisher keine, nur bei einer Probe, als jemand die Füße unter den Kameraschienen verstellt hatte.

Schwer zu sagen, wer nun im Wettlauf der Sender ums modernste Studio die Nase vorn hat. Das 690 Quadratmeter große Studio N1, das das ZDF im Juli 2009 in Betrieb nahm, erscheint überdimensioniert. Vor allem der 11,70 Meter lange Tisch, in Mainz gerne auch „Autobahnkreuz“ genannt. In der Totalen wirken die Moderatoren ganz klein und distanziert. Das ZDF erntete in den ersten Tagen einen Sturm der Entrüstung, bei RTL gab es nach dem ersten Wochenende im neuen Nachrichtenlook nach Kloeppels Angaben nur Reaktionen von elf Zuschauern. Klingt nach reibungslosem Übergang.

Der Charme der frühen Jahre ist natürlich vorbei. Peter Kloeppel erzählt mit melancholischem Blick, wie er vor über 20 Jahren die Kassetten mit seinen Beiträgen noch pünktlich per Taxi ins RTL-Sendezentrum nach Luxemburg schicken musste. Im neuen RTL-Zuhause, in das nun nach zweijähriger Verzögerung die 2000 Angestellten von RTL, Vox, Super RTL, n-tv und weiterer Unternehmen der RTL-Gruppe nach und nach umziehen, hetzen keine Mitarbeiter mehr mit Bändern über die langen Flure. Bilder, Töne, Grafiken – es wird „tapeless“ produziert. Die Welt ist nur noch eine digitale Datei, von allen jederzeit und von jedem Ort aus abrufbar. Und gestochen scharf ist sie auch – alle Magazine und Nachrichtensendungen werden im HD-Format aufgenommen. Das 3-D-Fernsehen haben die Verantwortlichen zwar schon auf dem Schirm (Kloeppel: „Wir sind 3-D-ready, aber noch nicht Full 3-D“), doch für die nächsten Jahre wird die Einführung als nicht sehr wahrscheinlich angesehen.

Die Technik ist das eine, aber entscheidend ist doch, was „hinten raus kommt“. Am ersten Tag führte Kloeppel anhand einer eindrucksvollen Animation durch Ground Zero in New York, die digitalen Spielereien in den nächsten Tagen etwa über die Kopfschmerzregionen im Gehirn wirkten schon weniger zwingend.

Den journalistischen Tiefpunkt bildete jedoch die Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess in Mannheim. Im Beitrag für die erste „Nachtjournal“-Sendung aus dem neuen Studio am Montag dienten die immer selben Szenen aus dem Gerichtssaal zur Illustrierung. Und immer wieder wurde das unkenntlich gemachte Gesicht des mutmaßlichen Opfers gezeigt. Es wirkte wie ein Protest der RTL-Redaktion dagegen, dass keine Bilder der Nebenklägerin veröffentlicht werden dürfen. Im Beitrag für „RTL aktuell“ wurde in einer sinnfreien Animation die Tatortwohnung, in der Jörg Kachelmann seine damalige Geliebte vergewaltigt haben soll, „nachgebaut“ – eine Schlüssellochperspektive in der digitalen Welt.

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