StudiVZ & Co : Gruscheln mit Angela

Die Online-Communitys ziehen in den Wahlkampf um die Jung- und Erstwähler. Eine zu große Beliebtheit bei den politischen Extremen kann dabei gefährlich werden.

Kurt Sagatz

„Finanzhaie würden FDP wählen.“ Sagt Kajo Wasserhövel, der Wahlkampfmanager der Sozialdemokraten im Internet auf der Webseite „Wahlkampf 09“, die wiederum zur SPD gehört. Die Mitglieder der Online-Community StudiVZ sehen das anders. Guido Westerwelle, Chef der Freidemokraten, hat mit seinem Wahlkampfprofil im Studentenportal bereits 249 Freunde gefunden, obwohl StudiVZ die neue Kampagne „Meine Stimme zählt!“ erst am Montagmorgen gestartet hat. Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat der SPD, hat über StudiVZ übrigens auch neue Freunde gewonnen. Allerdings haben sich bislang nur 152 Mitglieder von StudiVZ und dem Partnernetzwerk MeinVZ dafür entschieden, beim SPD-Spitzenkandidaten auf den Eintrag „Finde ich gut“ zu klicken. Dabei wird es sicherlich nicht bleiben, denn fest steht: Im Superwahljahr 2009 mit Europawahl, mehreren Landtagswahlen und der Entscheidung für den Bundestag im September hat das Internet inzwischen eine gewichtige Stimme. Und noch eines zeichnet sich ab: Der Wettbewerb der Parteien wird im Internet nahtlos fortgesetzt durch den Wettstreit der rivalisierenden Online-Communitys, insbesondere von StudiVZ und dem US-Netzwerk Facebook.

An der StudiVZ-Aktion nehmen alle im Bundestag vertretenen Parteien und ihre Spitzenkandidaten teil. Einen effektiveren Kanal zur Kommunikation mit den Wählern können sich die Parteien kaum vorstellen. Von den 14 Millionen Mitgliedern von StudiVZ, SchuelerVZ und MeinVZ sind zehn Millionen wahlberechtigt. Noch wichtiger allerdings ist, dass mit dem jungen Medium gerade auch das junge Zielpublikum angesprochen werden kann, denn 70 Prozent der deutschen Jung- und Erstwähler sind auf einer der drei Plattformen registriert, wie der Chef der StudiVZ-Gruppe, Markus Berger-de León, am Montag in Berlin sagte. Der Bereich SchuelerVZ bleibt allerdings in einigen Teilen außen vor. Profilseiten von Parteien und Politikern sind nicht mit den Regeln von SchuelerVZ vereinbar, so Berger. Die StudiVZ-Netzwerke gehören wie Tagesspiegel und „Zeit“ zur Verlagsgruppe von Holtzbrinck.

Das Engagement von StudiVZ teilt sich in drei Bereiche auf, die von Mai bis September über die zentrale „Wahlzentrale“ zu erreichen sind, wie Jochen König von der Universität Passau erläutert, der das Konzept entwickelt hat. In der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes kommt noch eine interaktive Deutschlandwahlkarte hinzu. Die Parteien und ihre Kandidaten erhalten Raum, um sich und ihre Ziele mit den Mitteln des Web 2.0 darzustellen. Dazu gehören: Videoplayer (zum Beispiel Arnold Schwarzenegger: „Warum ich Angela Merkel bewundere“), RSS- Feeds, Micro-Blog- Status, Newsletter und natürlich der Austausch von Zuneigungsbekundungen über die Gruschel-Funktion.

Die Online-Community will ihre Mitglieder nicht nur für die Wahlen interessieren, sondern auch darüber informieren, dies allerdings nicht selbst, sondern mit einer Vielzahl von Medienpartnern, die Hintergrundinformationen, Umfragen, Videos und Analysen liefern.

Spiegel Online wird einen Newsticker zur Verfügung stellen, der Tagesspiegel steuert einen Wahlkampfblog aus der Hauptstadt hinzu, Politik.de stellt multimediale Politikervergleiche an, und mit dem Wahl-o-Mat erfährt der Jung-User, welche Partei von den Wahlprogrammen her am besten zu ihm passen dürfte. Drittes Ziel von StudiVZ ist es, die wahlberechtigen Mitglieder zu mobilisieren. Der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken sei zwar in erster Linie Aufgabe der Politik, an den Tagen zur Europawahl, den Landtagswahlen und der Entscheidung im Bund wird jedoch unübersehbar auf die Entscheidungen hingewiesen.

Die Idee für die Wahlkampf-Aktion entstand in direkter Folge des US-Präsidentschaftswahlkampfes, den Jochen König vor Ort beobachtet hatte. Zu seinen Beobachtungen gehörte, dass Barack Obama gar nicht einmal zu den erfinderischsten Online-Wahlkämpfern gehörte. Allerdings wusste er bei seiner Kampagne und vor allem bei der Spendenwerbung über das Internet die vorhandenen Internetmöglichkeiten am kreativsten für sich zu nutzen, wie König erklärt. Die Gemeinsamkeiten der Online-Wahlkämpfe in den USA und Deutschland sind allerdings geringer als vielfach angenommen. Die Spannung baut sich in den Vereinigten Staaten langsam in der Zeit der Vorwahlen auf, die es hierzulande nicht gibt. Hinzu kommt, dass in den USA zwei Kandidaten um das höchste Amt kämpfen, während in Deutschland die Parteien mit ihren Programmen gegeneinander antreten. Der dritte Unterschied betrifft die Finanzierung, die Obama über das Internet für sich entschied. Auch das Internet kann nichts daran ändern, dass Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier einen ähnlichen Hype wie Barack Obama und John McCain kaum hervorrufen dürften.

Das reine Gegruschel dürften die Wahlkampfaktionen nicht bleiben. Für Zündstoff ist auf Länderebene gesorgt. Dort dürfen sich auch Kandidaten zum Beispiel der NPD vorstellen. StudiVZ-Konkurrent Facebook hatte gerade erst erfahren müssen, wie abträglich rechtes Gedankengut für das eigene Geschäft sein kann. Weil Rechtsextreme das Netzwerk für sich genutzt hatten, zog die Telekom eine Anzeigenkampagne bei Facebook zurück.

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