Medien : Sturm der Gefühle

Wie wahrscheinlich ist ein „Tornado“ in Berlin? Im Pro-7-Zweiteiler fliegen zum Wochenbeginn die Fetzen

Kurt Sagatz

Im Mittelalter nannte man das Phänomen den „Finger Gottes“, der die Menschen für ihre Sünden büßen ließ. Das Bild ist durchaus passend, schließlich hat die typische Form eines Wirbelsturms mit seiner zur Erde weisenden Spitze tatsächlich große Ähnlichkeiten mit einem Finger. Mangels fehlenden geophysikalischen Wissens war die Mystifizierung von Naturereignissen zudem eine naheliegende Begründung. Im Pro-7-Zweiteiler „Tornado – Der Zorn des Himmels“, der am Montag und Dienstag zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird, geht es freilich weniger um die Frage, ob es einen Gott gibt, der die Menschen für ihre vielen Verfehlungen bestraft. Der von der Berliner Produktionsfirma Teamworx von Nico Hofmann hergestellte Katastrophenfilm stellt den Zuschauern vielmehr die Frage, ob sie sich solche Naturgewalten auch in Deutschland vorstellen können, genauer gesagt: in der Hauptstadt Berlin.

Nicht nur das Religiöse spielt in „Tornado“ eine Nebenrolle, auch die Naturwissenschaft wird allenfalls gestreift. Der Zuschauer erfährt zwar, dass die von Menschenhand verursachte Erderwärmung auch in Europa und Deutschland zu immer mehr und vor allem stärkeren Unwettern führen. Doch real wird diese Gefahr im Film erst durch eine aus Südwesten strömende massive Kaltfront, die auf das von einer wochenlangen Hitzeperiode aufgeheizte Berlin unaufhaltsam zurollt und sich hier zu entladen droht.

Doch niemand sieht die Gefahr. Außer einem: Jan Berger (Matthias Koerberlin, unter anderem „Das Jesus Video“). Der 31-jährige Meteorologe ist gerade aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, wo er mehrere Jahre Tornados gejagt hat. Doch gerade zu dem Mann, den er von der bevorstehenden Katastrophe überzeugen müsste, um Berlin zu retten, hat er das denkbar schlechteste Verhältnis. Denn sein Vater Jürgen Berger (Rudolf Kowalski) leitet den Wetterdienst von Berlin und Brandenburg nicht nur bürokratisch korrekt und wenig fantasievoll, er kann auch sonst mit dem unsteten Lebenswandels seines Sohnes wenig anfangen. Immerhin hält Freund Bruno (Sascha Göpel), der bei Jans Vater in der Wetterstation arbeitet, zu seinem Jugendfreund, mit dem ihn mehr verbindet als nur das berufliche Interesse an der Meteorologie. Zwischen beiden steht Eva Keil (Mina Tander), deren Gefühle für Jan und Bruno genauso durcheinandergewirbelt werden wie die auf Berlin zuströmenden Luftmassen.

Doch damit nicht genug, denn um den zweimal anderthalb Filmstunden ein tragfähiges Fundament zu geben, wurde das Drehbuch (Don Bohlinger) um Branddirektor Schütte erweitert, der einerseits gegen Berlins Innensenator einen Kampf um den Aufbau eines geeigneten Frühwarnsystems ausficht und andererseits mit ansehen muss, wie seine 15-jährige Tochter nicht nur flügge wird, sondern – man ahnt es schnell – an der Seite ihres Freundes dem Wirbelsturm zu nahe kommt. Nicht zu vergessen den Produzenten eines Nachrichtensenders – weil der Film auf Pro 7 läuft, hat man einfach auf das Logo und die Einrichtung von N24 zurückgegriffen –, der nach seiner Scheidung nun mit Jans blinder Schwester Sophie (Lisa Martinek) liiert ist, aber sich auch nach einem halben Jahr noch nicht traut, seiner 8-jährigen Tochter von der neuen Freundin zu erzählen.

Bei derart vielen Handlungssträngen muss der Sturm der Gefühle über die Naturgewalt siegen. Wo im großen filmischen Vorbild „Twister“ die Wirbelstürme in Amerikas Hurrikan-Allee nur immer kurz Luft für den nächsten Schlag holen, bleibt hierzulande ein Tornado doch nur ein Restrisiko in der Kalkulation von Versicherungsgesellschaften – egal, mit wie viel Aufwand und Special Effects aus dem Computer sich der Sturm später durchs Brandenburger Tor und die östliche Stadtmitte fräst.

Nach den überaus gelungenen historischen Teamworx-Produktionen wie „Der Tunnel“, „Die Luftbrücke“ oder „Dresden“ könnte man meinen, dass die Berliner mit „Tornado“ unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Doch so stimmt das nicht. Katastrophenfilme sind nicht deren Brot-und-Butter-Geschäft, auch wenn im Moment gerade „Der Vulkan“ über einen „tatsächlich möglichen Vulkanausbruch in der Eifel“ (Nico Hofmann) vorbereitet wird. Und Pro 7 ist kein Dokumentationssender. „Let me entertain you“ heißt sein Motto, dem hätte es allerdings nicht geschadet, wenn die Naturgewalt des Wirbelsturms eine größere Rolle gespielt hätte als der Vater-Sohn-Freund-Konflikt des überforderten Tornado-Jägers Jan Berger.

„Tornado – Der Zorn des Himmels“; Montag und Dienstag um 20 Uhr 15 auf Pro 7

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben