Sudentendeutsche : Gegen klare Zuweisungen

In einem ARD-Film erzählen Sudetendeutsche, wie sie die Vertreibung aus ihrer Heimat erlebten.

Verena Friederike Hasel

Es ist nur ein Stück Papier, aber er schwenkt es wie eine Trophäe. Dieses „von Herrn Hitler unterzeichnete Papier“ werde „den Frieden in unserer Zeit“ sichern, ruft Neville Chamberlain und die Menge jubelt. Es ist der 30. September 1938, einen Tag zuvor hat der britische Premier das Münchner Abkommen unterzeichnet. Der Anschluss von Sudetenland an Deutschland ist damit beschlossen. Die Freude Chamberlains über das wertlose Stück Papier ist eines der wenigen bekannten Archivbilder in der zweiteiligen ARD-Dokumentation „Die Sudetendeutsche und Hitler“, die heute startet. Anlässlich des 70. Jahrestages des Abkommens wolle der Film, so heißt es gleich zu Beginn in einem Offkommentar, die ganze Geschichte der Sudetendeutschen erzählen.

Ganze Geschichten beginnen in der Regel lange vor den großen Daten und Politikeransprachen. Folgerichtig setzt der Film im Jahr 1918 ein – das österreichisch-ungarische Kaiserreich ist gerade auseinandergebrochen, der Versailler Vertrag gliedert die deutschen Randgebiete von Böhmen und Mähren in die neu gegründete Tschechoslowakei ein. Die weitere Entwicklung, die der Film nachzeichnet, ist hinlänglich bekannt: In der tschechischen Republik fühlen sich die Sudetendeutschen zunächst kulturell, in der Weltwirtschaftskrise dann finanziell bedroht. Das Münchner Abkommen erscheint vielen von ihnen als Verheißung, unter der Führung von Konrad Henlein wird das Sudetenland zum Mustergau.

Für das ihnen angetane Leid rächen sich die Tschechen 1945 mit der Vertreibung von drei Millionen Deutschen. Inhaltlich bietet der Film also wenig Neues, dafür liefert er eine Haltung: Geschichte ist stets eine Folge von Aktion und Reaktion, lautet die These des tschechisch-deutschen Autoren- und Regieduos Pavel Schnabel und Henning Burk. Mitunter gelingt es ihnen, diese mit eindrücklichen Bildern zu belegen. So zeigen sie, wie Tschechen 1918 das Schild „Damenhüte“ von einem Geschäft reißen und Sudetendeutsche 1938 das Ortsschild „Karlovy Vary“ entfernen, sie bevorzugen den deutschen Namen Karlsbad.

Ansonsten mangelt es an Bildern. „Die Sudetendeutschen und Hitler“ ist ein Erklärstück und vergisst die Mittel seines Mediums. Verblichene deutsche Straßenschilder, Friedhöfe, von denen die deutschen Namen getilgt sind – all das sieht man nicht. Auch seine Protagonisten lassen die Filmemacher nicht hinaus in die Welt. Sämtliche Gespräche sind aufgenommen in geschlossenen Räumen.

Dennoch sind diese Interviewsequenzen die inhaltlichen Höhepunkte. Die Autoren Schnabel und Burk haben Gesprächspartner gefunden, welche klare Zuweisungen sprengen. Zum Beispiel die jüdische Sudetendeutsche, deren Familie zunächst abgewiesen wird, als sie 1938 nach Prag fliehen wollen. Oder der sudetendeutsche Sozialdemokrat, der in Karlovy Vary Flugblätter gegen die Nazis druckt. Diese Menschen erzählen kostbare Miniaturen der ganzen Geschichte. Verena Friederike Hasel

„Die Sudetendeutschen und Hitler“, erster Teil 21 Uhr, zweiter Teil am 29. September, 21 Uhr, jeweils ARD

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