Süchtig nach Cybersex : Online-Ambulanz hilft Internetabhängigen

Ein Online-Selbsttest weist den Weg zur geeigneten Therapie bei Internetabhängigkeit. 10.000 Menschen haben den Fragebogen bereits ausgefüllt.

Melanie Zakri
Alles unter Kontrolle? Mancher Online-Nutzer surft stundenlang.
Alles unter Kontrolle? Mancher Online-Nutzer surft stundenlang.Foto: picture alliance / dpa

Der 23-jährige Student wusste schon länger, dass seine Internetnutzung problematisch ist. „Aber ich hatte Hemmungen, mich mit diesem Problem an einen Fachmann zu wenden.“ Der junge Mann war süchtig nach Cybersex, nach sexueller Befriedigung mithilfe des Internets. Erst über einen Online-Fragebogen zu seinem Verhalten fand er den Weg in die Verhaltenssucht-Ambulanz der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Bochum.

Der Online-Selbsttest, der dem Studenten zu einer Therapie verhalf, ist Teil des sogenannten „Oasis“-Projekts, dem Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige. Das Pilotprojekt hat Oberarzt Bert te Wildt mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums ins Leben gerufen. Über einen Fragebogen im Internet und Online-Sprechstunden per Webcam können Betroffene und Angehörige erste Hinweise darauf bekommen, ob sie wirklich internetsüchtig sind. Sollte das der Fall sein, werden sie anschließend zu einer Klinik oder Beratungsstelle in ihrer Nähe verwiesen.

Seit dem 1. September 2016 haben rund 10 000 Menschen den Fragebogen im Netz ausgefüllt. Projektleiter Bert te Wildt ist mit der Resonanz sehr zufrieden. „Es geht darum, eine Brücke zu bauen, und darum, die Betroffenen dort abzuholen, wo die Sucht entsteht, nämlich im Netz“, sagt der Arzt und Psychotherapeut. Anders als Alkohol- oder Drogensucht ist Internetabhängigkeit keine anerkannte Sucht. Sie zählt zu den Verhaltenssüchten, weil dabei kein Stoff zur Abhängigkeit führt, sondern etwa die exzessive Nutzung des Internets. Ähnlich wie Alkoholsüchtige können auch Internetabhängige die Kontrolle über ihr Leben verlieren und unter Entzug leiden. Trotzdem sei die Glücksspielsucht bisher die einzige in Deutschland anerkannte Verhaltenssucht, bedauert te Wildt.

Hoffen auf die WHO

Nachdem aber die USA kürzlich die Computerspielsucht als Forschungsdiagnose anerkannt haben, hofft der Mediziner, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO diese Krankheit in die Internationale Krankheits-Klassifikation (ICD), aufnimmt. „Wir würden uns wünschen, dass auch die anderen Varianten von Internetabhängigkeit, die Cybersexsucht und die Abhängigkeit von sozialen Medien, anerkannt werden.“ Doch auch ohne diese Anerkennung kann den Betroffenen schon geholfen werden. „Bei der Diagnose müssen wir uns bisher nur ein bisschen behelfen“, sagt Diplompsychologe Ralph Schliewenz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Denn bei der Diagnose sind Ärzte und Psychologen an die ICD gebunden. Daher würden bisher den Verhaltenssüchten zugrunde liegende Krankheiten wie Impulskontrollstörungen oder Zwangsverhalten diagnostiziert, sagt Schliewenz.

Über die Bezahlung ihrer Therapie müssten sich Verhaltenssüchtige keine Sorgen machen: „Es kann davon ausgegangen werden, dass Personen mit Verhaltenssüchten eine geeignete Therapie durch die gesetzlichen Krankenkassen erhalten“, versichert Janka Hegemeister vom GKV-Spitzenverband, der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. Die Aufnahme von Verhaltenssüchten in die ICD würde also hauptsächlich der medizinischen und gesellschaftlichen Anerkennung dienen.

Obwohl sich auch Psychologe Schliewenz eine Änderung des ICD wünscht, warnt er, dass eine solche Anpassung nicht dazu führen dürfe, dass „plötzlich alle mediensüchtig sind“. „Man kennt das von anderen Diagnosen wie ADHS, die dann in aller Munde sind“, sagt Schliewenz und verweist auf die USA. Dort hätten nach einer Anpassung des psychiatrischen Klassifikationssystems eine Zeit lang 20 bis 30 Prozent aller Kinder plötzlich unter einer bipolaren Störung gelitten. Melanie Zakri (epd)

www.onlinesucht-ambulanz.de

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