Medien : Süddeutsche Zeitung: Baustelle im Bindestrich-Land

Thomas Gehringer

Auch das Zeitungs-Leben ist manchmal eine Baustelle. Claudia Fromme, Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", sitzt in einem ziemlich großen, ziemlich leeren Büroraum in Düsseldorf. In der Wand hinter ihr sorgt ein frisch aufgestemmter Durchbruch für zusätzlichen Lichteinfall, die nächstgelegene Tür hat noch keine Klinke, auch fehlen Zwischenwände und weitere Schreibtische - von den meisten ihrer neuen Kolleginnen und Kollegen ganz zu schweigen. Es sieht in den Räumen am Düsseldorfer Graf-Adolf-Platz nicht danach aus, als müsste dort irgendjemand böse sein, weil der Start der neuen Nordrhein-Westfalen-Ausgabe der "SZ" vom 1. Oktober 2001 auf den 15. Januar 2002 verschoben wurde. Die großen Regionalzeitungen hatten eher humorlos auf die Konkurrenz aus München reagiert und die Zusammenarbeit beim Vertrieb gekündigt. Der Redaktion bescherte das eine längere Anlaufzeit, weil der Verlag erst einmal ein eigenes Vertriebsnetz aufbauen muss.

In diesen Tagen beginnt die heiße Vorbereitungsphase für das bemerkenswerte Tageszeitungs-Projekt. Die "SZ" investiert jährlich "rund zehn Millionen Mark", sagt Geschäftsführer Hans Wilhelm von Viereck, um im bevölkerungsreichsten Bundesland endlich mehr als nur 30 000 Exemplare täglich zu verkaufen. Am 1. Oktober wird der Großteil der 17 zusätzlich eingestellten "SZ"-Redakteure an seinem Platz sitzen und das "Feinkonzept" erarbeiten, sagt Redaktionsleiter Joachim Blum (45).

Das "Gerüst, an dem wir das Haus hochmauern und dann verputzen werden", steht bereits. Acht Seiten - "es können auch mehr sein, gerade am Wochenende" - soll die täglich in NRW erscheinende Regional-Beilage umfassen. Eine "Zeitung in der Zeitung", sagt Blum: mit einer Aufmacherseite für die wichtigsten Nachrichten aus dem Land, einer Seite zwei für Kommentare und Analysen, mit Reportagen und Porträts auf der Seite drei. Es folgen Wirtschaft, Kultur, Sport und Vermischtes sowie eine Service-Seite, die redaktionell ausgesuchte Termine und Tipps vor allem für Kulturveranstaltungen im ganzen Land versammmelt. Die feste Struktur solle trotzdem Platz für "ein hohes Maß an Durchlässigkeit" lassen. Blum: "Wir werden nicht von vorneherein Vorgärtchen definieren, in die niemand aus einem anderen Ressort hineindarf." Es seien nur Leute eingestellt worden, "denen klar ist, dass man über den Tellerrand des eigenen Ressorts denken muss und auch handeln will".

Die meisten Redakteure kennen NRW, hätten aber auch anderswo Erfahrungen gesammelt, ergänzt Rhein-Ruhr-Korrespondent Hans-Jörg Heims (38), der gemeinsam mit Blum (zuvor "Neue Westfälische" in Bielefeld) die Redaktion leiten wird. Neben Claudia Fromme ("Focus") zählen unter anderen Johannes Nitschmann ("Die Woche") und Michael Kläsgen ("Die Zeit") zum "SZ"-Team in Düsseldorf.

Einen erheblichen Vorteil gegenüber den Regionalblättern sehen Heims und Blum darin, dass ein "Kölner Stadt-Anzeiger" sich immer als Kölner Stimme verstehen werde, eine "Rheinische Post" immer als Stimme von Düsseldorf. Eine Parteinahme in den liebevoll gepflegten Eifersüchteleien zwischen den Nachbarstädten verstehe sich da von selbst. Dagegen ist die SZ nach Aussage von Heims "fernab von solchem Streit" und müsse "überhaupt keine Rücksicht darauf nehmen, welche Erwartungen die Funktionäre in unserem Erscheinungsraum haben, sagt Blum.

Der Anspruch könnte kaum höher gesteckt sein: "Die regionalen Identitäten werden schon eine Rolle spielen. Aber wir versuchen das so zu vermitteln, dass sich daraus langfristig eine NRW-Identität entwickeln kann", erklärt Blum. Das ist doch mal was: Ein überregionales Blatt aus Bayern, das dem Bindestrich-Land NRW mit seiner säuberlich abgesteckten Landschaft von Zeitungsmonopolen das Kleinkarierte austreiben will. Die "SZ" wagt den Versuch, eine zugegeben große Region überregional zu begreifen. Sich nur für den eigenen Sprengel zu interessieren, das sei die Grundkrankheit von NRW, sagt Heims. Die "SZ" könne kein Rennen um exklusive Geschichten gewinnen, wolle aber durch gut geschriebene, ausführliche und journalistisch anspruchsvolle Texte überzeugen.

Natürlich pumpen die Münchner nicht aus purem Idealismus Millionen in den rheinisch-westfälischen Zeitungsmarkt. Und zu den lokal orientierten Regionalblättern verstehen sich die Münchener eher als Ergänzung, denn "die Leute wollen ja wissen, wann die Mülltonnen abgeholt werden", meint Heims. Bislang verkauft die "SZ" nur sieben Prozent ihrer Gesamtauflage an Rhein und Ruhr - und damit weit weniger als die direkte überregionale Konkurrenz von "FAZ", die dort drei Mal so viele Exemplare an die Leser bringt. Auch die "Welt" und die "Frankfurter Rundschau" können jeweils über 20 Prozent ihrer Auflage in NRW vertreiben.

Dass die "SZ" gleich mit täglich acht Seiten in die Offensive geht, zeigt vor allem, dass der Verlag in Nordrhein-Westfalen ein anderes Regionalisierungskonzept als in Berlin umsetzen will. In der Hauptstadt erscheint die "SZ" mit einer einzigen Berlin-Seite. Nach oben gesprungen ist die verkaufte Auflage deswegen nicht.

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