„Süddeutsche Zeitung“ : Vier Erben für ein Halleluja

Wer darf die „Süddeutsche Zeitung“ kaufen? Ein Münchner Drama um eine Milliarde Euro.

Sonja Pohlmann

Vielleicht wäre alles einfacher, wenn es um eine Schokoladenfabrik gehen würde. Um süße Riegel, die schlimmstenfalls ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften verursachen können. Aber bei diesem Deal geht es um ein Produkt, das prägend für die Information und die Meinung von den Menschen ist, die es täglich 468 000-mal kaufen. Es geht um die „Süddeutsche Zeitung“. Sie soll jetzt verkauft werden. Doch der Prozess gestaltet sich so kompliziert und zäh wie selten zuvor ein Verkauf in der deutschen Medienlandschaft. Eine Menge Geld, verwobene Eigentümerstrukturen und unterschiedliche juristische Ansichten machen ihn zu einem Drama.

Dabei könnte ab 1. Juli alles ganz schnell gehen – theoretisch. Denn mit Monatsbeginn fällt das Verbot, das den bisherigen „SZ“-Besitzern einen Verkauf ihrer Verlagsanteile untersagte. Zu ihnen gehören die fünf Altgesellschafterfamilien Goldschagg (18,75 Prozent), von Seidlein (18,75 Prozent), Schwingenstein (16,67 Prozent) und Dürrmeier (8,33 Prozent) sowie die Familie Friedmann (18,75 Prozent). Seit 1945 ist die „Süddeutsche“ in ihren Händen. Jetzt haben vier von ihnen keine Lust mehr – und deshalb hat sich zwischen den Gesellschaftern eine Front gebildet. Auf der einen Seite stehen die Familien Goldschagg, von Seidlein, Schwingenstein und Dürrmeier. Sie wollen ihre Anteile von insgesamt 62,5 Prozent verkaufen – und damit die Verantwortung für die „SZ“ abgeben. Denn als Erben der „SZ“-Gründungsväter Edmund Goldschagg, Franz Josef Schönigh, August Schwingenstein sowie des ersten Geschäftsführers Hans Dürrmeier sind sie mit dem Blatt zwar eng verwurzelt, doch sie alle haben sich einen anderen Lebensschwerpunkt gesucht. Maria-Theresia von Seidlein führt mit der S & L Medienproduktion GmbH ihr eigenes Unternehmen, ihre beiden Brüder Rupert und Lorenz arbeiten im Ausland. Konrad Schwingenstein ist Experte für Gitarrenmusik, sein Bruder Florian begeistert sich fürs Ballonfahren. Christoph Schwingenstein ist Vorsitzender einer Umweltakademie, Ulrich Schwingenstein betreute für den Süddeutschen Verlag den Auslandsdruck bei Sportereignissen. Am stärksten drängt der Senior unter den Altgesellschafter auf einen zügigen Verkauf. Hanns-Jörg Dürrmeier ist 70 Jahre alt, „Mister SZ“ wird er genannt. 1945, im Gründungsjahr der „Süddeutschen“, baute sein Vater Hans Dürrmeier als erster Geschäftsführer den Verlag mit auf und wurde für seinen Erfolg mit Verlagsanteilen belohnt. Ihm zu Gefallen machte Hanns-Jörg Dürrmeier eine Lehre im Verlagswesen, doch später widmete er sich seiner Leidenschaft und wurde Dokumentarfilmer. Er will jetzt sein Erbe regeln, schließlich steht er wie alle Altgesellschafter vor derselben Aufgabe, die ihr Sprecher Christian Goldschagg, ein ehemaliger Rennradprofi, der heute Dampfloks vermietet, beschreibt: „Wir haben Verantwortung für das Familienvermögen und müssen kaufmännisch vernünftig damit umgehen.“

Und dass sich ein großes Haus wie die „Süddeutsche“ nicht wie ein Hobby nebenbei führen lässt, haben sie vor allem in der Medienkrise 2002 schmerzlich erfahren. Der Verlag stand kurz vor dem Konkurs. Aus eigener Kraft konnten die fünf Familien den Verlag nicht retten und holten die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) aus Stuttgart mit ins Boot. Hinter ihr steckt der medienscheue Eigentümer Dieter Schaub, der mit der Medien-Union Regionalblätter wie „Stuttgarter Zeitung“ und „Rheinpfalz“ verlegt. Die SWMH brachte den Verlag mit einer Kapitalspritze von 150 Millionen Euro wieder auf die Beine, erhielt gleichzeitig 18,75 Prozent der Verlagsanteile und ist seither sechster Gesellschafter. Mittlerweile ist der Verlag wieder ein florierendes Unternehmen. 2006 steigerte er sein operatives Ergebnis (Ebitda) von 54,8 Millionen Euro (2005) auf 77,1 Millionen Euro, was einen Zuwachs von 40,7 Prozent und damit einen deutlichen Gewinn bedeutet – aus finanzieller Sicht könnte es für die vier verkaufswilligen Familien keinen besseren Zeitpunkt geben.

Doch ihnen stehen die SWMH und die Familie um Johannes Friedmann gegenüber. Friedmann ist der einzige unter den Altgesellschaftern, der seine Anteile nicht verkaufen will. „Diese Zeitung ist meine Lebensaufgabe“, sagt er. Er ist Sohn von Werner Friedmann, dem ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber der „SZ“. Als einziger der Erben ist er der Familientradition treu geblieben, zusammen mit seiner Mutter Anneliese verlegt er die Münchner „Abendzeitung“ und führt ihre Geschäfte. Er fürchtet, dass die „Süddeutsche“ an einen Finanzinvestor fällt, der ihren guten Ruf aus Profitgier zerstört. „Eine ,Heuschrecke‘ werde ich deshalb als Gesellschafter des Verlags niemals zulassen“, sagt er. Doch fraglich ist, ob er überhaupt ein Mitspracherecht hat. Nein, meinen die vier verkaufswilligen Familien. Sie berufen sich auf ein Rechtsgutachten des Gesellschaftsrechtlers Michael Hoffmann-Becking, nach dem sie mit ihrer Mehrheit von 62,5 Prozent beim einem Verkauf verfahren können, wie sie wollen.

Gegen den Willen der SWMH und der Friedmanns setzte Dürrmeier im Namen der anderen Gesellschafter bereits vorm Münchner Landgericht Gericht eine sogenannte Vendor Due Diligence durch, eine Art Buchprüfung, bei der die Bilanzen der „Süddeutschen“ analysiert werden, um ihren tatsächliche Marktwert zu ermitteln. Die verkaufswilligen Familien verlangen eine Milliarde Euro für ihre Anteile. Das findet die SWMH viel zu hoch gegriffen. Sie würde gerne den Anteil der vier Familien übernehmen. Die Schwaben haben sich bereits bei ihrem Einstieg 2002 ein Vorkaufsrecht gesichert. Das heißt, wenn es neben ihnen weitere Bewerber gibt, die den gleichen Kaufpreis bieten, bekommen sie den Zuschlag. Aber: Sie wollen keine Milliarde, sondern nur 750 Millionen Euro zahlen. „Das ist unverschämt, denn das liegt sogar unter dem Wert, den die Zeitung 2002 hatte“, sagt Goldschagg.

Doch um den Preis pokern können die Altgesellschafter nur, wenn es mehrere Interessenten im Wettbewerb gibt. Mit der Due Diligence sollen sie angelockt – und die SWMH damit unter Druck gesetzt werden. Denn die Wirtschaftsprüfer von KPMG werden in ihrer Buchprüfung das bekannt geben, was längst jeder in der Branche weiß: Die „SZ“ ist ein lohnendes Anlageobjekt. Im Gegensatz zu Friedmann sind die verkaufswilligen Gesellschafter einem Finanzinvestor gegenüber nicht abgeneigt. „Aber selbstverständlich suchen wir einen seriösen Käufer, der das Redaktionsstatut verantwortungsvoll weiterführt“, sagt Goldschagg. Die SWMH und Friedmann vertreten allerdings die Ansicht, dass über einen neuen Eigentümer nur einstimmig entschieden werden kann, und verweisen dafür auf eine Anmerkung des Münchner Landgerichts. Falsch, behauptet die Gegenseite und meint, dass SWMH und Friedmann längst vor Gericht gezogen seien, wenn sie im Recht wären.

Aber mit einem externen Bewerber, vielleicht mit einem Finanzinvestor, kann ohnehin erst verhandelt werden, wenn die Gespräche zwischen SWMH und den verkaufswilligen Gesellschaftern gescheitert sind. Wahrscheinlich ist der Einstieg eines großen Verlagshauses, sofern die SWMH nicht ihren Preis erhöht und aus den Verhandlungen aussteigt. Darauf spekuliert beispielsweise der Holtzbrinck-Konzern (Der Tagesspiegel, „Die Zeit“, „Handelsblatt“). Die Stuttgarter Gruppe lässt den Verkaufsprozess bereits intensiv von der Dresdner Bank unter dem Codewort „Nordpol“ beobachten. „Die ,SZ‘ ist eine attraktive und erfolgreiche Qualitätszeitung, die gut zu uns passen würde“, sagt Jochen Gutbrod, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Holtzbrinck. Im Gegensatz zur SWMH hält er deshalb den anvisierten Preis von einer Milliarde Euro nicht für übertrieben. Auch für den Kölner Verleger Neven DuMont Schauberg („Frankfurter Rundschau“, „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Mitteldeutsche Zeitung“) scheint ein Engagement in Süddeutschland nicht abwegig. Ebenfalls wird der Verlagskonzern Mecom von David Montgomery als möglicher Bewerber gehandelt. Montgomery kaufte kürzlich die „Netzeitung“, 2005 erwarb er den Berliner Verlag.

In wenigen Wochen wird die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Due Diligence abgeschlossen haben. Dann beginnt die Endphase um den Verkauf der „SZ“, in der sich entweder SWMH und Gesellschafterfamilien einigen oder ein anderer Bieter aus dem In- oder Ausland den Zuschlag bekommt. „Spätestens im Herbst wird Klarheit herrschen“, sagt Goldschagg. Wie die anderen Gesellschafterfamilien hat er dann einige Sorgen weniger und einige Millionen Euro mehr. „Ich bin froh, wenn’s vorbei ist“, sagt er. Aber der Verantwortung zum Trotz: Gegen eine Schokoriegelfabrik hätte er die „SZ“ nicht eintauschen wollen.

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