Medien : „Suggestiv geschnitten“

Kameramann von Cap-Anamur-Bericht beschwert sich über „Panorama“

Marc Hasse

Es galt als ein Scoop. Das NDR-Magazin „Panorama“ zeigte am 15. Juli, wie die Autoren es nannten, exklusive Bilder von Bord der Cap Anamur. Der Beitrag von Edith Heitkämper, Michael Holthus und Iris Ockenfels legte nahe, dass es sich bei der Rettungsfahrt um eine PR-Aktion gehandelt haben könnte. Durch „Panorama“ wurde die öffentliche Diskussion über die Glaubwürdigkeit der Fahrt erst richtig befeuert. Der Urheber des Filmmaterials, Martin Hilbert, legte jetzt Programmbeschwerde beim NDR ein: Er sei „entsetzt über den teils falschen, teils entstellenden Bericht“, schreibt Hilbert an den Intendanten Jobst Plog in einem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Hilbert ist Chef einer Kölner Produktionsfirma und dreht nach eigenen Angaben seit 1986 Filme für das öffentlich- rechtliche Fernsehen. Seit November 2003 arbeitet er mit zwei Kollegen an einem Porträt über die Cap Anamur. So entstand auch das Filmmaterial, das von „Panorama“ verwendet wurde. Die Aufnahmen seien „suggestiv geschnitten“, sagt Martin Hilbert. Einstellungen seien wissentlich in einen anderen Zusammenhang gestellt worden. Der Autor Michael Holthus habe die These einer Medieninszenierung vertreten und alles ausgelassen, was nicht dazu passe. „Panorama“-Redaktionsleiter Stephan Wels stellt sich hinter seine Autoren: „Der Umgang mit dem Filmmaterial war völlig korrekt. Wir bleiben bei unserer Darstellung.“

Hilbert nennt für seine Vorwürfe konkrete Beispiele: Er bemängelt, dass er dem Autor Michael Holthus genau geschildert habe, dass die Landung in Porto Empedocle Probleme bereitet habe, weil die Cap Anamur auf die Genehmigung warten musste, die zunächst abgelehnt worden sei. Dies sei mit O-Tönen und Funkverkehr belegt. Im Bericht werde das nicht erwähnt. Stattdessen heißt es: „Jetzt, wo alle Kameras in Position sind, will Bierdel die Cap Anamur endlich in einen Hafen einlaufen lassen.“

Außerdem suggeriert der Beitrag laut Hilbert, der Cap-Anamur-Kapitän Stephan Schmidt hätte den Flüchtlingen die Antwort nach ihrer Herkunft in den Mund gelegt. Im „Panorama“-Beitrag fragt er die Schiffbrüchigen: „Seid ihr alle aus dem Sudan?“ Die Antwort lautet ja. Nicht gezeigt habe der Beitrag, dass Schmidt zuvor neutral einen der Flüchtlinge nach seiner Herkunft gefragt habe, worauf dieser geantwortet habe: „Aus dem Sudan, aus Khartum“. Dann erst habe Schmidt gefragt: „Seid ihr alle aus dem Sudan?“ Panorama-Redaktionsleiter Stephan Wels sagt: „Ich kann daran keine Manipulation erkennen.“

Problematisch findet Hilbert auch, dass „Panorama“ Hassan Mamri als Kronzeugen nimmt; er wird als Besatzungsmitglied etikettiert. Mamri sagt im Beitrag, der Besatzung sei gleich klar gewesen, dass die Flüchtlinge eine falsche Herkunft angegeben hätten. Mamris Aussage wurde viel von anderen Medien zitiert, um die Annahme zu stützen, die Besatzung hätte wider besseres Wissen daran festgehalten, dass die Flüchtlinge Sudanesen seien, weil dies wegen des dortigen Bürgerkrieges in den Medien besser ankomme.

Laut Hilbert sei Mamri aber kein Besatzungsmitglied, sondern Übersetzer für Journalisten im Hafen von Sizilien. Er habe nur 20 Minuten an Bord verbracht, könne also so eine pauschale Aussage gar nicht treffen. „Wir prüfen das“, sagt Panorama-Redaktionsleiter Stephan Wels. Auf jeden Fall richtig sei, dass Mamri am 8. Juli auf dem Schiff gewesen und Mitglied der italienischen Flüchtlingsorganisation ACRI sei.

Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel kündigt rechtliche Schritte gegen „Panorama“ an. Die These der Medieninszenierung, die der Beitrag verfolgt, ist der Hauptvorwurf gegen ihn. Cap-Anamur- Gründer Rupert Neudeck hat sich deswegen von ihm distanziert. „Einen miesen Schmierbeitrag“ nennt ihn Bierdel; er entstelle den Ablauf des Geschehens grob: „Das wird Konsequenzen haben.“

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