"Super Illu"- Chefredakteur Jochen Wolff : Das Blatt gewendet

Jochen Wolff hört nach 20 Jahren als Chefredakteur der 1990 gegründeten "Super Illu" auf. Er machte die Zeitschrift zur erfolgreichsten in Ostdeutschland – und spricht von einem "mörderischen Job".

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Oligarch der Ostalgie. Jochen Wolff in der Redaktion. Derzeit druckt „Super Illu“ eine Porträtreihe über verstorbene Prominente aus DDR-Zeiten.
Oligarch der Ostalgie. Jochen Wolff in der Redaktion. Derzeit druckt „Super Illu“ eine Porträtreihe über verstorbene Prominente...Foto: Jan Zappner

Der dienstägliche Triumphzug ist jetzt unterwegs wie an jedem der 1000 vergangenen Dienstage, bestehend aus acht mit Zeitschriften beladenen 40-Tonnern, die von einer Druckerei am Fuß des Schwarzwaldes nach Ostdeutschland rollen. Und es ist eines der letzten Male, dass Jochen Wolff zur gleichen Zeit mit seinen Kollegen am großen Berliner Besprechungstisch sitzt.

In den Lastwagen liegt die „Super Illu“, Jochen Wolff ist ihr Chefredakteur, und hier an diesem Tisch wird gerade die neue Ausgabe geplant. Tagesordnungspunkt „Hinterm Horizont“. „Hinterm Horizont“ ist ein neues Berliner Musical, in dem es um Udo Lindenberg und dessen Liebe zu einem Mädchen aus der DDR geht. Wolff hatte daraus schon zwei Wochen zuvor eine Titelgeschichte machen lassen, und an diesem Morgen nun hatten ihm zwei Kollegen von einer der Vorpremieren berichtet. Dieses Musical berühre die Menschen, im Zuschauerraum sei geweint worden. Am Schluss, „da hat es Standing Ovations gegeben“, sagt Wolff in die Gesichter der Runde, und dann verfügt er, dass die nächste „Super Illu“-Ausgabe das Thema noch einmal vertiefen soll. „Wir erklären die Handlung noch mal. Und mit Brussig noch mal sprechen, dass man den auch noch mal vorstellt, den Autor, welche Gefühle den bewegt haben.“ Und: „Da kommt ein ostdeutsches Wohnzimmer vor, das möchte ich sehen.“

Wolff ist seit 20 Jahren Chefredakteur hier, seit dem 25. Januar 1991. Er möchte auch berühren. Und falls Auflagenzahlen ein Indiz dafür sind, dann scheint ihm das auch zu gelingen. Die „Super Illu“ wird jede Woche mehr als 400 000 Mal verkauft, und je nach Datenerhebungsmethode und Datenerhebungsinstitut werden diese mehr als 400 000 Hefte von bis zu dreieinhalb Millionen Menschen gelesen, bis zu zweieinhalb Millionen davon in Ostdeutschland. Das sind die, zu denen gerade die acht Lastwagen unterwegs sind, und es sind mehr, als irgendein Konkurrent dort vorzuweisen hat. „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und „Bunte“ zusammen kommen nicht auf diese Zahl. Das sind die Verhältnisse. Es ist oft darüber gerätselt worden, wie Wolff es geschafft hat, die „Super Illu“ zur erfolgreichsten Zeitschrift im Osten zu machen.

Man wird sehen, ob sich ab April etwas an diesem Erfolg ändern wird, wie viel davon auf seine Arbeit zurückzuführen ist, denn Jochen Wolff hat beschlossen, dann aufzuhören. Er hat genug. An diesem Dienstag wird er sagen: „Unser Verleger sagt immer, als Chefredakteur ist man ans Rad gebunden. Man kann ja nicht einmal Nachrichten gucken, ohne dass es im Kopf zu rattern anfängt. Aus dieser Klammer will ich raus. Ich will meine Freiheit.“ Doch erst einmal spricht er weiter über die Themen für die nächste Ausgabe.

In der Titelgeschichte wird es um das Fernsehverhalten gehen. Es ist gerade eine Studie herausgekommen, in der steht, dass es einen Allzeit-Rekord gibt. Die Deutschen sehen mehr fern als jemals zuvor. Die Ostdeutschen sehen noch mehr fern.

„Wir brauchen eine Familie in Sachsen-Anhalt“, sagt Wolff, „Sachsen-Anhalt guckt am meisten. Dann gehen wir in einen Saturn und fragen Leute, nach Flachbildschirmen und so. Und dann fragen wir Freizeitforscher, was sind die Gründe, gehen die Leute weniger in die Natur?“ Wolffs Stellvertreter schlägt vor, den regional unterschiedlichen Fernsehzeiten die regional unterschiedlichen Arbeitslosenzahlen gegenüberzustellen, „da kann man was rauslesen.“ Wolff nickt.

„Politik“, sagt er dann und sieht eine Politik-Reporterin an, „da habt ihr den Ramsauer.“

„Show, ihr habt Brink und Bresan, glaub ich.“ Show nickt. „Da wird es auch um das Schlagergeschäft gehen“, sagt Wolff, „die Volksmusik, warum werden die immer so angefeindet. Und dann Haiti.“

Links neben Wolf sitzt die Chefin des Ratgeberteils, sie sagt: „Ei haben wir auch noch.“ Wolff sagt: „Das wären jetzt die Themen. Was haben wir noch?“

„Lubmin, das Atomlager an der Ostsee“, sagt einer, das werde möglicherweise anders und länger genutzt als ursprünglich einmal verabredet. Gut, sagt Wolff, er wolle dazu „drei harte Fragen an Röttgen“. „Frau Sarrazin“, sagt einer. „Die Unternehmensgründer wollen wir auch noch machen“, sagt noch einer.

"Medienheimat der Ostdeutschen"

Die Fernsehstudie, das Lindenberg-Musical, das Eisenbahn-Versagen, das Musikgeschäft, der Jahrestag des Erdbebens in Haiti, Dioxinskandal, Atomkraft, Sarrazin, es ist eigentlich nichts dabei, was nicht auch bei der abgeschlagenen Konkurrenz stehen würde. Bis auf den Umfang der Dresdner Semperopernball-Berichterstattung (zehn Seiten), bis auf das „Frenzel-Drama. Aufstieg und Fall des Tiefkühl-Königs aus Sachsen“ (drei Seiten), die Erinnerung an den vor zwölf Jahren gestorbenen Schauspieler Rolf Ludwig (zwei) und die eine Seite zu den Zukunftsplänen des 65 Jahre alten Sängers der Rockgruppe Transit. Bis auf die Tatsache, dass auf dem Titelbild zum Fernsehrekord neben Günther Jauch, Stefan Raab, Dieter Bohlen und Dirk Bach auch Carmen Nebel und Inka Bause zu sehen sein werden. Das alles zusammen macht aus der „Super Illu“ die „Medienheimat der Ostdeutschen“. „Medienheimat der Ostdeutschen“, Jochen Wolff sagt das oft, wenn er gefragt wird, was in den vergangenen 20 Jahren aus seiner Zeitschrift geworden ist.

Er steht auf und geht in sein verglastes Büro. Jeder kann jederzeit sehen, was er darin tut. Seine Arbeit ist kein bisschen rätselhaft, und deren Produkt auch nicht. Wolff hat im Lauf der Jahre für alle sichtbar die Köpfe von Antje Garden, Eberhard Cohrs, Heinz Quermann, Aurora Lacasa, Ingo Dubinski, Helga Hahnemann, Erwin Geschonneck, Dagmar Frederic, Gaby Seyfert, Wolfgang Stumph, Uta Schorn, Angelica Domröse, Herbert Köfer, Margot Ebert, Frank Schöbel, Hendrik Bruch, Petra Kusch-Lück und Roland Neudert auf die Titelseite drucken lassen. Im Heft geht es ebenso unübersehbar und regelmäßig um Kathi-Backmischungen, Halloren-Kugeln und Rondo- Kaffee. Es geht um Ost-Prominente und Ost-Produkte, um „Unsere schöne Heimat“, die auf den „Super Illu“-Fotos sogar im bergbauzerwühlten und von den Bauern flurbereinigten Mansfelder Land schön aussieht, um Stasi und PDS und aufstrebende Ost-Unternehmer. Es geht um das Geheimwissen der einstigen DDR- Bürger, ihren Stolz und um den ständigen Beweis der These „Es ist nicht alles schlecht“. Und es geht um das Vermeiden der Vorsilbe Ost-. Sie klingt in den Ohren der Journalisten hier abwertend.

Außer der „Super Illu“ macht das keiner so. Es gibt keine Konkurrenten. Das ist womöglich auch die Antwort auf die Frage nach ihrem Erfolg. Die „Super Illu“ ist so etwas wie eine monopolistische Fachzeitschrift.

Jochen Wolff, Jahrgang 1949, ist Bayer. Als junger Mann ging er nach der Journalistenschule zur Zeitschrift „Quick“. 15 Jahre arbeitete er dort, zuletzt war er stellvertretender Chefredakteur. Ende der 80er Jahre war er Chefredakteur von „Neue Welt“. Im Verlagshaus dieser Zeitschrift erschien auch „Echo der Frau“, Wolff lernte dort seine Ehefrau Angelika kennen. Sie war in Ost-Berlin aufgewachsen und kam nach einem Ausreiseantrag und zwei Jahren voller Gemeinheiten in die Bundesrepublik. Dann machte der Burda-Verlag Wolff das Angebot, Chef der gerade gegründeten „Super Illu“ zu werden. Im Januar 1991 zogen die beiden nach Berlin.

Als Wolff anfing, fand er eine Zeitschrift vor, die fest in einer feindseligen und verheißungsvollen Gegenwart verankert war. Auf dem Titel der ersten Ausgabe vom August 1990 war das Foto eines nackten Paares („Sex. Die neuen Praktiken. Große Freiheit auch im Bett“), eines von Honecker („Skandal. Honecker schreibt Memoiren. Jetzt kriegt er Millionen“) und zwei Cabrios („Betrug. So durchschauen Sie die Tricks der Gebrauchtwarenhändler“). Bis Wolff begann, sich allmählich das ostdeutsche geheime Wissen und ein Gespür dafür anzueignen und merkte, dass auch ostdeutsche Prominente Geschichten zu erzählen hatten. Sie konnten Erinnerungen an früher wecken, und sie konnten davon berichten, dass es ihnen ähnlich erging wie vielen anderen. Die Arbeit war weg, die Häuser waren weg, sie mussten umziehen und neu anfangen. Sie konnten den Lesern das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind, und dass die eigene Vergangenheit durchaus etwas wert sein kann. Es zog so eine Art Milde, Wärme in die Zeitschrift ein.

„Es wurde lange von oben nach unten geguckt, auch auf uns“, sagt Wolff. Wer Berichte über die „Super Illu“ aus den 90er Jahren liest, der merkt, dass es den Autoren schwergefallen sein muss, nicht hämisch zu sein.

Wenn Wolff von oben nach unten gucken würde, auf die Straße vor seinem Bürofenster, dann sähe er eine Doppelreihe Pflastersteine im Asphalt. Die Mauer stand hier. Auf der gegenüberliegenden, also nördlichen Straßenseite ist Mitte, also Osten, die „Super Illu“-Büros liegen im Süden, Kreuzberg, Westen. Es ist kompliziert. So kompliziert, so anders wie die Welt geworden ist, aus der die „Super Illu“ berichtet. Sie wissen hier, dass sie darauf irgendwie reagieren müssen. Im Moment behelfen sie sich noch, mit der Serie „Die Unvergessenen“ zum Beispiel, die Prominente porträtiert, die in der Zwischenzeit gestorben sind. Tamara Danz, Regine Hildebrandt, Heinz Quermann, Eberhard Cohrs, Antje Garden. Sie betreiben ihre eigene Denkmalpflege.

Seit einiger Zeit bemerkt Wolff auch, dass ihn genau das müde macht. „Immer, wenn so ein gewisses Déjà-vu hochkommt“, sagt er. „Das gab’s schon mal so ähnlich, diesen Skandal, diesen Mordfall, dieses Abgründige, dieses Positive, diese Parteienkonstellation.“

Übers Wochenende werden er und seine Frau nach Mallorca fliegen. Er hat auf seiner Wetter-App gesehen, dass das Wetter dort gut sein soll. Wegfahren übers Wochenende, so etwas hätte Wolff früher nie gemacht.

Ein mörderischer Job

„Mein Missionseifer ist zu Ende“, sagt er. „Das war ja wirklich auch eine missionarische Aufgabe, die Westdeutschen von den Qualitäten der Ostdeutschen zu überzeugen und umgekehrt die Ostdeutschen von der sozialen Marktordnung und von der Eigenverantwortung.“ Und jetzt holt er Luft. „Ich würde sagen, das war der härteste Job, den der deutsche Journalismus zu vergeben hatte in den letzten 20 Jahren. Das war ein mörderischer Job. Immer zwischen den Stühlen zu sitzen.“ Im vergangenen Jahr hat er für diesen Job das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Der Raum zwischen den Stühlen: Stasithemen, Mauerthemen, „wie soll man dazu berichten?“, sagt Wolff. „Da haben wir hier die ganze Bandbreite der Diskussionen. Wir haben hier Leute in der Redaktion, die sind im Kofferraum geflüchtet, und andere, die sich’s halt eingerichtet haben, bis zuletzt im Journalismus gearbeitet haben.“ Und bei den Lesern, „ich habe Leute darunter, die in Bautzen im Gefängnis waren“, sagt Wolff, „und welche, die in der Partei gewesen sind. Mit einem Teil der Leser verderbe ich’s mir immer.“

Wolff geht wieder durch die Redaktion, zum Besprechungstisch. Die Haiti-Reportage ist da, dazu Fotos von schuttbeladenen Straßen und einer eingestürzten Kathedrale. Wolff schaut sie sich an, er sagt: „Wir Deutschen wissen gar nicht, dass wir in einem Paradies leben.“ Er ist einer, der genau das wissen muss. Er hat an diesem Paradies mitgebaut.

Am nächsten Tag, am Mittwoch, ist Kai Pflaume zu Besuch. Er steht mit Wolff und einer Redakteurin aus der Show-Abteilung vor einer Wand voller gerahmter Fotos von zurückliegenden Goldene-Henne-Preisverleihungen. Die Goldene Henne ist der Preis der „Super Illu“. Pflaume spricht über seine neue Sendung. Es ist ein Star-Quiz, das in Hamburg für die ARD aufgezeichnet wird, und Pflaume erklärt gerade, wie schwer es sei, Stars für ein Quiz zu finden, solche jedenfalls, die nicht ohnehin ständig in Quiz-Sendungen sitzen. Wolff reagiert sofort. „Sollten wir da nicht einen Kasten machen?“, sagt er. „Fünf prominente Ostdeutsche, und unsere Leser stimmen ab, wer dann zum Quiz gehen soll.“

„Genscher“, sagt Pflaume.

„Gauck“, sagt Wolff. „Stumph. Ja, und hier“, sagt Wolff, auf ein Foto deutend, „Birr von den Puhdys.“

Pflaume überhört den Birr-Vorschlag, er sagt: „Inka Bause vielleicht. Und Kati Witt.“

Genscher, Gauck, Stumph, Bause, Witt, fünf Menschen, die Pflaume in seiner Fernsehshow vorstellen könnte, ohne die Vorsilbe Ost- zu benutzen. So wie es sich bei Pflaume auch selbst verhält.

Wolff lädt Pflaume noch zur nächsten Goldene-Henne-Verleihung ein. Als er das Datum sagt, 28. September, zuckt Pflaume ein wenig. Der Leipziger Informatikstudent Pflaume hat am 28. September 1989 Ostdeutschland, die DDR verlassen. Jochen Wolff steht etwas Ähnliches in Kürze bevor.

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