Superillu : Blühendes Blatt

Wie die „Superillu“ zum meistgelesenen Magazin in Ostdeutschland wurde.

Sonja Pohlmann
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Nur ein „Wessi“ konnte die „Superillu“ machen. Davon ist der aus Bayern stammende Chefredakteur Jochen Wolff, 60, noch heute...

Als Jochen Wolff die Schlange vor dem Laden stehen sah, war ihm klar, dass er mit seinen Nackten richtig lag. Es waren die Wochen kurz vor der Wiedervereinigung, gerade hatte der erste Beate-Uhse-Shop in Ost-Berlin eröffnet. Noch 200 Meter vorm Eingang reihten sich die Menschen ein, erinnert sich Wolff heute. Pornos waren in der DDR weder im Fernsehen gezeigt noch in Magazinen gedruckt worden. Dann fiel die Mauer – Beate Uhse brachte die Sexvideos in die Shops, Wolff die Barbusigen an den Kiosk.

Wolff ist Chefredakteur der „Superillu“. Verleger Hubert Burda hatte ihn nach Berlin geschickt, er sollte für ihn mit der Illustrierten den neuen, großen Markt jenseits des Mauerstreifens erobern. Der Plan ging auf: 900 000 Exemplare des Heftes wurde nach der Gründung im August 1990 jeden Donnerstag über den Tresen gereicht. Es lockten nicht nur Nackte, sondern auch Verbrechen, Geschichten wie über die „Lügen der Hexe Margot“ und den „perversen Mörder von Beelitz“.

Noch heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist die „Superillu“ das meistgelesene Magazin in Ostdeutschland. Knapp 460 000 Exemplare werden wöchentlich verkauft, fast 3,5 Millionen Menschen in den neuen Ländern und Ost-Berlin lesen das Magazin – die „Superillu“ ist ein blühendes Blatt in der Printlandschaft Ost.

Inzwischen sind die Nackten aus dem Magazin verschwunden, Wolff ist immer noch dabei. Seit 19 Jahren ist der 60-Jährige jetzt schon Chefredakteur der „Superillu“, er weiß, was die „Ossis“ wollen – nicht obwohl, sondern gerade weil er ein „Wessi“ ist, meint Wolff. Ein Ostdeutscher hätte die „Superillu“ gar nicht machen können, sagt er: „Ich habe keinen Rucksack mit Ostvergangenheit getragen und konnte deshalb einem Republikopfer genau so objektiv und neutral gegenübertreten wie einem Stasi-Spitzel.“ Wolff, in Bayern geboren, ist ein erfahrener Magazinmacher. Bei der „Quick“ war er stellvertretender Chefredakteur, wechselte dann zur „Neuen Welt“, bevor ihn Burda zur „Superillu“ holte.

Dass die Illustrierte unter Wolff zum Lieblingsblatt der Ostdeutschen wurde, lag jedoch nicht allein an den Sex-and- Crime-Themen. „Ostprodukte waren 1990 out“, sagt Wolff. Statt Joghurt aus Brandenburg wurde Joghurt aus dem Allgäu gegessen, statt Schlagersänger aus dem Osten wurden die Volksmusikanten des Westens beklatscht – und statt „FF-Dabei“ wurde eben „Superillu“ gelesen.

Doch dann setzte die „Entzauberung des Westens“ ein, wie Wolff sagt. Massenentlassungen, Mieterhöhungen, Pleiten – den Lesern verging die Lust auf Blut und Busen. Die Auflage der „Superillu“ sank 1992 auf 400 000 Exemplare, Wolff wagte einen radikalen Schritt: Ein Ost-Star, die Entertainerin Helga Hahnemann, durfte vom Cover lächeln und prompt stieg die Auflage. „Viele Menschen fühlten sich durch die Wende entwurzelt und besannen sich auf ihre Identität zurück“, sagt Wolff. Die vertrauten Oststars gaben den verlorenen Halt zurück. Derweil hatte die Boulevardzeitung „Super!“, Burdas zweites großes Ostprojekt, mit ihren Revolverthemen keine Chance mehr und wurde im Sommer 1992 eingestellt.

Wolff hingegen hatte die Wünsche der Ostdeutschen erneut richtig gedeutet. Er machte aus dem Nackedeiblatt „Superillu“ eine Familienzeitschrift. Erzählt werden Schicksale und Erfolge von Menschen aus dem Osten, es gibt eine Kinderseite, beliebt ist der großer Ratgeberteil zu Hartz IV, Rente, Mietrecht und natürlich die Storys über Oststars wie Dagmar Frederic oder Wolfgang Stumph – verlässliche Themen in unsicheren Zeiten. „Eine berechenbare Wundertüte“, sagt Wolff, die aber keinesfalls „ostalgisch“ sei: „Wir sind ein gesamtdeutsches Magazin, das über gesamtdeutsche Themen berichtet.“

Die Zahlen zeigen allerdings ein anderes Bild. Nur 500 000 Leser erreicht das Blatt in Westdeutschland nach eigenen Angaben, darunter sind wohl viele Ostdeutsche, die in den Westen gezogen sind. Dass die Printlandschaft noch immer geteilt ist, liegt nach Wolffs Ansicht in erster Linie an den westdeutschen Medien: „Sie haben in puncto innere Einheit kollektiv journalistisch versagt.“ Zu eindimensional, zu negativ werde über Ostdeutschland berichtet, vor allem über Rechtsradikale und Arbeitslose.

Mit der „Superillu“ will er deshalb weiter die schönen Seiten der Ex-DDR zeigen, beispielsweise „Deftiges aus Thüringen“ – gemeint sind damit nicht nackte Damen aus Erfurt, sondern Rezepte für Gurkenrouladen und Kaninchen.

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