Medien : Superman auf dem Mariannenplatz

Tom Peuckert

Nun ist Bertolt Brecht seit genau 50 Jahren tot, aber das Radio denkt immer noch gern an ihn. Auf allen Kanälen wird der Meister in diesen Tagen gefeiert. Weil wir schon eine Menge über Brecht wissen, sind auch die eher abseitigen Erinnerungen willkommen. Autorin Sabine Kebir hat sich den Mann im Dichter vorgenommen. „Immer noch wohnt er bei seiner Frau“ heißt ihr Feature, das von einer der zahlreichen Lebensgefährtinnen Brechts erzählt. Ruth Berlau war Dänin, galt als sehr emanzipert, opferte sich trotzdem für den Geliebten auf. Als Brecht am Ende dennoch bei seiner Ehefrau bleiben wollte, kam es zur Katastrophe (Kulturradio, 9. August, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz)

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Am Samstag kennt das Kulturradio nur noch Brechtianer. Der „Brecht-Tag“ beginnt mit einer Frühkritik zu Klaus Maria Brandauers Inszenierung der „Dreigroschenoper“, die dann hoffentlich ihre rauschende Premiere im Admiralspalast erlebt haben wird. Später geht es um Brechts Verhältnis zur Musik, um seine Rundfunkarbeit, um die Jahre der Emigration und um vieles mehr. Abends wird live die große Brecht-Gala aus dem Berliner Ensemble übertragen und ein ehrwürdiges Dokument ist zu hören: ein Inszenierungsmitschnitt der „Mutter Courage“ , an der Brecht bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hat (Kulturradio, 12. August, ab 7 Uhr 45).

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Brecht und Heiner Müller waren Zentralgestirne des Kunstbetriebs im Osten. Kurz vorm Untergang der DDR sind die beiden im Rundfunk noch einmal spektakulär aufeinandergetroffen. Müller inszenierte 1987 Brechts legendäres Frühwerk „Untergang des Egoisten Fatzer“ als Hörspiel. Mit dabei eine handverlesene Schar von Helden der ostdeutschen Bohème. Statt trainierter Radiostimmen gab es den Sound charismatischer Intellektualität. Frank Castorf spielte eine Hauptrolle, auch Müller selbst und etliche andere Schriftsteller waren zu erleben. Wer wissen will, wie die Avantgarde des Osten klang, sollte sich diese Preziose nicht entgehen lassen (SWR 2, 13. August, 16 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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Natürlich haben auch die Brecht-Verächter Anspruch auf radiophone Grundversorgung. Wie wäre es mit einer Kriminalgroteske? In Oliver Bukowski s Hörspiel „Einer für alle“ ermitteln die Kommissarinnen Serjosha (West) und Schultz (Ost) im Fall mehrerer Selbstmörderinnen. Bei allen Frauen werden Abschiedsbriefe gefunden, die mitten im Wahlkampf schlechtes Licht auf einen Spitzenkandidaten werfen. Nebenbei aber schickt Autor Bukowski seine beiden Hauptfiguren auf gnadenlose Pointenjagd. Ein furioses Verbalduell zwischen einer mit allen Wassern des Ostens gewaschenen Polizistin und ihrer Kollegin, die in einer westdeutschen 68er-Familie den sozialen Überlebenskampf trainiert hat (Deutschlandradio Kultur, 13. August, 15 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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Kantomias lebt in Berlin-Kreuzberg, aber er ist nicht ganz von dieser Welt. Ein Superman im Kampfanzug, der alten Leuten Einkäufe besorgt und die deutsche Musikkultur vor ihrer Verwurstung durch digitale Industrieschurken rettet. Ein parodistischer Ausbund zeitgenössischer Comic-Fantasien. Auf eindrucksvolle Weise nutzt das Autorentrio Plamper, Kantate und Ohm den Slang der Leute, die um den Mariannenplatz wohnen. Ihr preisgekröntes Hörspiel „Kantomias rettet die Welt“ entfesselt einen multikulturellen Berliner Humor, der fit fürs 21. Jahrhundert sein dürfte (Deutschlandradio, 14. August, 0 Uhr 05).

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